Tisch+Lampe=Kunst? Eine kleine Atelier-Geschichte

Aktualisiert: März 31


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Was braucht man alles, um Kunst zu machen? Mehr ist mehr, scheinen viele angehende Künstler zu denken. Kaum haben sie den Entschluss gefasst, künstlerisch aktiv zu werden, stellen sie gleich eine Einkaufsliste zusammen. Leinwände, Staffelei, Farbe: An nichts soll es mangeln, wenn die Stunde X der Kunstpraxis geschlagen hat. Und auch der Arbeitsraum selbst soll jedem Außenstehenden gleich signalisieren: Achtung, hier wohnt ein Kreativer. Dazu werden eigene Werke an die Wände gehängt, Kunstmaterialien zu hübschen Stillleben arrangiert, und die jungfräulich saubere Staffelei mahnend vors Fenster gestellt. Nun sind auch die zufälligen Passanten gleich im Bilde. Neben dieses unausgesprochenen Diktats von "Mehr ist mehr" scheint eine weitere Prämisse zu gelten: "Qualität hat ihren Preis." Demnach muss man nicht nur sehr viel von allem haben, sondern es muss in exklusivster Qualität vorliegen. Die teuersten Maderpinsel müssen her, die handverlesensten Pigmente, das handgeschöpfteste Büttenpapier aller Zeiten - am Kunstmaterial wird nicht gespart. Und man hat ja zum Glück viele Freunde und Verwandte, die an etlichen Feiertagen und Geburtstagen ihre hübsch verpackten Opfer-Gaben dem Kunst-Gott überbringen: Schmincke-Aquarellkästen, Faber-Castell-Buntstifte, Lukas-Ölfarben und, als i-Tüpfelchen, das Hahnemühle-Torchon à 275 g/qm. Mindestens.

Die Angst vor dem weißen Blatt. Rembrandt: "Der Künstler in seinem Atelier," 1626


Nun müsste bei diesen magischen Worten der Puls jedes Hobby- und Profi-Künstlers in die Höhe schnellen. Zu schade, dass der weit verbreitete Material-Fetischismus in Wirklichkeit wenig zielführend, zuweilen sogar kontraproduktiv zu sein scheint.


"So paradox es klingt: Gerade exquisites Matrial macht es uns oft schwer, gute Bilder zu malen," meint Felix Scheinberger, Künstler und Illustrations-Professor an der FH Münster. "Wie hilfreich kann es sein, wenn Sie schon beim ersten Strich der Gedanke quält: Was, wenn es nichts wird? Was, wenn ich mein Blatt für 12,80 € verschwende?" (1) 

Damit kein wertvolles Material vergeudet wird, brütet und überlegt ein Künstler so lange, bis der letzte Funke Spontanität und Kreativität erloschen ist. Wo fange ich an? Was mache ich als nächstes? Wird mein Bild gelingen, oder arbeite ich gerade wieder für die Tonne? Die Wertigkeit des Kunstmaterials verstärkt die ohnehin vorhandene Angst vor dem weißen Blatt.

Der Mann fürs Grobe: Constantin Brâncuși in seinem Pariser Atelier, 1924

© ADAGP, Foto RMN-Grand Palais - G.Blot

Um dieser Blockade entgegenzuwirken und das Spielerisch-Experimentelle zuzulassen, empfiehlt Scheinberger die Verwendung von günstigen und leicht verfügbaren Materialien. Unter Umständen ist einem jungen Künstler mit einer Rolle Packpapier oder Tapete mehr geholfen, als mit einer teuren Leinwand von Tante Clara. Das gerollte Papier lässt sich schnell zu passenden Formaten zuschneiden, mit Reißzwecken an ein Holzbrett pinnen, in allen erdenklichen Techniken bearbeiten, und wenn es doch nichts wird, hält sich der Schaden immer noch in Grenzen. Das entkrampft und lässt kreative Energien frei. Bekanntlich ist Papier geduldig, und Packpapier erst recht.

Auch günstige Eigenmarken von Gerstaecker, Boesner & Co machen sich in allen Hinsichten bezahlt, zumal ein Kunst-Anfänger die Vorzüge von Exklusivprodukten bestenfalls aus der Produktbeschreibung kennt. Noch kann er ihre Besonderheiten weder erkennen noch situativ einsetzen. Woher soll er wissen, ob er beim Nass-In-Nass-Arbeiten lieber eine stärker oder schwächer deckende Aquarellfarbe benutzen soll und welche davon welche wäre? Höchst wahrscheinlich würde er aus einem hochpreisigen Produkt nicht mehr herauskitzeln können als aus einem No-Name-Aquarellkasten. Wobei damit keine Ramschware vom Grabbeltisch gemeint ist - so viel Qualität muss natürlich sein.

Verkaufsfläche der Boesner-Filiale Perl: Mehr ist mehr in XXL

Wenn zu den überteuerten Spezial-Produkten auch noch viele typverschiedene Materialien wie Aquarell, Acryl, Öl oder Tempera dazukommen, ist die Verunsicherung komplett. Aus "Mehr ist mehr" kann schnell "Hilfe, holt mich hier raus" werden. Welche Technik eignet sich für welche Idee? Oder welche Idee für welche Technik? Und in welcher Reihenfolge welche Materialien worauf und womit auftragen? Fragen über Fragen... Vielleicht ist am Ende des Tages weniger tatsächlich mehr. Schließlich ist nach wie vor nicht das Material, sondern die Bildidee entscheidend. Daher kann es sinnvoll sein, mit einer begrenzten Anzahl an Materialien im mittleren Preissegment anzufangen und zu schauen, wohin die Reise geht. Vieles kann man später dazukaufen, ausleihen oder sogar vorübergehend mieten (zum Beispiel eine Ton-Drehscheibe, eine Druckpresse, ein paar Stunden im Foto-Labor...) Kein Künstler, ob Profi oder Amateur, muss das gesamte Spektrum an Werkzeugen und Materialien auf Lager haben. Die Gefahr, sich dabei zu verzetteln, das Wesentliche aus den Augen zu verlieren und letztlich an den eigenen Erwatungen zu scheitern ist groß. Von finanziellen Risiken ganz zu schweigen.

Das Atelier von Paul Cézanne in Aix-en-Provence

1. Wünsch dir was: Der Traum vom eigenen Atelier


Das, was im Kleinen für die Arbeitsmaterialien gilt, gilt im Großen für das Atelier. Das "Mehr ist Mehr" artet dort schnell zu einem "Was kostet die Welt" aus. Einrichtung, Miete, Nebenkosten - das alles macht ein Atelier zu einer teuren Angelegenheit. Und auch hier kann es einem Künstler schwer fallen, auf die Notbremse zu treten und sich auf das Nötigste zu beschränken. Zu verführerisch sind die vielen Optionen. Hand aufs Herz: Jeder von uns träumt von einem eigenen, lichtdurchfluteten und professionell ausgestatteten Arbeitsraum. Mit Schränken und Regalen, voll gefüllt mit Utensilien und Rohstoffen aller Art: Ton, Stiften, Pigmenten, Pinseln, Papier... Ein gut beheizter Raum sollte es sei, mit fließendem Wasser und dicht schließenden, aber trotzdem wandfüllenden Fenstern... Mit hohen Decken, wenn es geht... Oberlichter wären schön... Gerne mit einem separaten Lagerraum... Oder noch besser, mit einem Lager- und Materialraum, einer Anlieferungsrampe, und dann noch ein paar kleine Extras hier und da: Kaffeeküche, Dusche, Tageslicht-Leuchten, Brennofen, Radierwerkstatt...


Friedrich Kunaths Atelier in Los Angeles

© Pogany Architectur / GQ Style, Fotos Michael Schmelling

Reines Wunschdenken? Keinesfalls. Tatsächlich gibt es zahlreiche prominente Beispiele von wahr gewordenen Atelier-Träumen, die jeden On-The-Way-Artist vor Neid erblassen lassen. Dream big! lautet etwa die Devise des deutschen Malers Friedrich Kunath (*1974). Der Absolvent der HBK Braunschweig (Klasse Walther Dahn) hat den Sprung von Ost-Berlin nach Ost-L. A. geschafft. Sein Atelier bietet alles, was das Künstler-Herz begehrt:


A high-ceilinged central work area, a small kitchenette, a “spray” room  for airbrush work, and a “white cube” where art can be installed to  beta-test how it holds up in a more formal, presentational setting. The  austerity of this side of the studio is only slightly betrayed by a  pristine vintage British-racing-green bubble-top Jaguar parked in the  middle of it. (2)

Kunaths mitten im Atelier parkender Jaguar kann als ultimativer Beweis von Coolness und Erfolg interpretiert werden. Oder als geschmacklose Angeberei. Oder als ironischer Augenzwinker. Oder als Filmzitat vielleicht? Als Ready Made? Als wahr gewordener Teenager-Traum? Die Wege eines It-Künstlers sind unergründlich... Eins steht jedenfalls fest: Wer in seinem Arbeitsraum parken kann (und dabei kein Automechaniker ist), hat definitiv ausgesorgt. Mehr Atelier geht gar nicht. Oder doch?


2. Das Atelier als Manufaktur


Jeff Koons: Seated Ballerina, 2017 (New York)

© Jeff Koons / Tom Powel Imaging / Tishman Speyer / Kiehls

Aber sicher doch, beweist ein Blick auf Jeff Koons, den amerikanischen Künstler-Star der Superlative. Seit den 1980ern beliefert Koons im großen Stil die ganz Welt mit seiner Version von American Dream. Einige seiner kitschig-süßen Skulpturen erinnern beim ersten Hinschauen an gigantische Porzellanfiguren, andere an Helium-Luftballons. Tatsächlich sind sie aber aus Edelstahl gefertigt und somit für die Ewigkeit. Ihre gigantischen Ausmaße erfordern nicht nur eine ausgeklügelte, arbeitsteilige Herstellungsweise, sondern auch eine Menge Platz und Arbeitskraft. Zwischenzeitlich beschäftigte Koons auf 900.000 qm Atelierfläche über 100 Assistenten, die in Akkord an seinen gigantischen Gemälden und Skulpturen arbeiteten.


Inzwschen hat sich Koons wieder verkleinert: Seit 2015 residiert er in einem New Yorker Hochhaus, von dem er 'nur' zwei Stockwerke beansprucht. Dazu beschäftigt er 'nur' noch 30 Angestellte, es ist also beinah familiär. Wenn da nicht die Roboter wären! Denn damit der Rubel weiter rollt und die fehlende Man Power kompensiert wird, hat Koons nachgerüstet: Komputergesteuerte Stein-Schneidemaschinen und zwei Roboter gehen ihm und seinen Assistenten Tag und Nacht zur Hand. Ist das noch ein Künstler-Atelier oder schon eine Fabrik? Noch eine Frage, die offen bleiben muss. Zumindest setzt Koons damit neue Atelier-Maßstäbe. Diese wird man nicht so schnell toppen können... Oder doch?


Das Atelier von Jeff Koons, 2014 © Vanity Fair, Foto Annie Leibovitz; Chritie's © Jeff Koons; Twitter



3. Das Atelier als Fabrik


Oder doch. Tatsächlich existieren jetzt schon größere, noch effizienter organisierte Künstler-Ateliers - und wer weiß, wohin die Reise in Zukunft noch geht. Dabei kann es kein Zufall sein, dass sich die meisten dieser Mega-Ateliers in Amerika befinden. Während es in Old Europe immer noch als unschicklich gilt, sein sauer verdientes Geld zur Schau zu stellen, ist in Amerika gar kein Problem. Fernab jeder Gefühlsduselei und Mysthifizierung des schöpferischen Prozesses vertraut der amerikanische Kunstbetrieb auf die selbstregulierende Macht der Marktwirtschaft. Mit anderen Worten: Die Nachfrage regelt das Angebot, auch in Sache Kunst. Wenn also die Nachfrage steigt, der Lieferant aber nicht hinterher kommt, hat er zu weichen oder zu expandhieren. Mehr Alternativen gibt es scheinbar nicht.

Und so greifen erfolgreiche, sprich umsatzstarke Künstler auf industrielle Fertigungsstrategien zurück: Arbeitsteilung, Automatisierung, Outsourcing... Als Galionsfigur dieser Entwicklung gilt der seit den 1960er Jahren amtierende "King of Pop Art" Andy #Warhol. Als einer der ersten Künstler bezeichnet Warhol Kunst als eine Form von Business: Nicht mehr und nicht weniger.


"Being  good in business is the most fascinating kind of art. Making money is  art and working is art and good business is the best art. (2)"

Andy Warhol und Team in The Factory, 1964 © Ugo Mulas / Milano-Galleria Lia Rumma


Es ist daher nur konsequent, dass Wahol seinem 1962 in New York gegründeten Atelier den Namen The Factory gibt. Als einer der ersten Künstler überträgt er marktwirtschaftliche Strategien auf die Kunst. In seinem Atelier setzt er auf Siebdruckverfahren sowie andere Techniken der Massenanproduktion. Zig Assistenten, Freunde und mehr oder weniger zufällige Factory-Besucher gehen ihm dabei zur Hand. Warhol produziert schnell, günstig und in großen Mengen. Ob Suppendosen oder Prominenten-Portraits: "Everything is beautyful", propagiert er und setzt seine Signatur unter alles, was ihn gefällt. So kann es passieren, dass ein Factory-Besucher mit einem eigenen Kunstwerk in die Factory kommt und mit einem echten Warhol nach Hause geht.



Offen bleibt die Frage, wem die Autorenschaft über ein Kunstwerk gebührt: Demjenigen, der das Werk faktisch produziert hat, oder dem, der die konzeptuelle Verantwortung dafür trägt. Während viele Künstler die eigentliche Kunstwerk-Produktion an ihre Assistenten weiter delegieren, setzen sie ihren Namen darunter als eine Art Qualitätssiegel, also als Label. Augenzwinkernd verweist Warhol dabei auf Mode-, Lebensmittel- oder auch Autoindustrie. Weder Mademoiselle Chanel noch Herr Dr. Oetker sind beim Herstellungsprozess auch nur anwesend. Warum sollten es die Künstler anders handhaben?


Im Übrigen wird am Beispiel Warhol deutlich, wie stark sich unser Kunstbegriff in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat. In den 1960ern wurde Warhols Massenan- bzw. abfertigung noch als gesellschaftskritische Satire gedeutet. Heute dagegen werden seine Methoden von Künstlern wie Koons als vollkommen legitim angesehen. Inzwischen scheint es selbstverständlich zu sein, dass ein Künstleratelier genauso wirtschaftlich arbeiten muss wie jeder andere Betrieb auch. "Mehr ist mehr", lautet dabei mal wieder die Devise, der Warhol bereits 1963 ein Gesicht verliehen hat - genau genommen viele Gesichter. Mal sind es Serienportraits von Marilyn Monroe, mal die von Liz Taylor oder Elvis Presley. Das Motiv dabei ist austauschbar, Mehr Mona Lisa ist mehr. Oder weniger?

allein auf seine Wiedererkennbarkeit Andy Warhol: Thirty are better than one, 1963

kommt es an.


Warhols ikonischer Siebdruck mit dem programmatischen Namen "Thirty are better than one" (oben) setzt sich sogar aus ganzen dreißig nebeneinander gedruckten Mona Lisa-Portraits zusammen. Damit erzeugt Warhol eine maximale Distanz zu seinem eigenen Kunstwerk: Das Motiv stammt von Leonardo da Vinci, der Siebdruck von seinen Assistenten, nur die Bildidee kommt von ihm. Weniger Künstler ist mehr, scheint Warhol damit zu postulieren. Noch weniger Künstler geht wohl kaum. Oder doch?


4. Das Atelier, outgesourced


Kehinde Wiley und Barak Obama, 2018 © Getty Images

Tatsächlich doch. Einen besonders eindrucksvollen Beispiel von künstlerischer Prozessoptimierung liefert dabei Kehinde Wiley. Der afroamerikanische Maler wird in den 2010ern mit seinen Portraits von Ghetto-Checkern in Trainingsanzügen berühmt. 2017 darf er dann als Höhepunkt seiner bisherigen Karriere das offizielle Obama-Portrait für die National Portrait Gallery malen. Mehr öffentliche Anerkennung im patriotischen, präsidentenfixierten Amerika ist wohl kaum vorstellbar. Vor laufenden Kameras schütteln sich die beiden großen Afroamerikaner 2018 die Hände, gemeinsam stehen sie für Freigeist, Demokratie und Diversität der USA ein.

Zu diesem Zeitpunkt ist die Nachfrage nach Wileys Kunst schon so groß, dass er mit der Produktion kaum noch nachkommt. Doch weniger liefern ist auch keine Option. Also praktiziert Wiley anfangs dieselben Methoden wie Koons: Ein Assistenten-Team führt seine großformatigen Gemälde nach Wileys Fotovorlagen und Entwürfen aus: Im Gegensatz zu dem, was Wileys offizielles Atelier-Videos suggerieren, malt er seine Bilder nur noch selten eigenhändig.

Doch selbst diese Fertigungsmethode erweist sich auf lange Sicht und bei einer stetig steigenden Nachfrage als ineffizient. Dazu ist sie recht kostspielig, schließlich muss Wiley US-amerikanische Assistenten-Gehälter zahlen. Also verlegt er sein Atelier 2006 nach Beijing, China (4). Dort beschäftigt er seitdem eine Schar chinesischer Mitarbeiter, die seine Werke in einem streng reglementierten Malen-nach-Zahlen-Verfahren und vor allem für kleines Geld auspinseln. Auch das Obama-Portrait soll auf diese Weise entstanden sein. Aber pst, es ist ein gut gehütetes Geheimnis! Ein US-Präsident Made in China könnte im patriotischen Amerika für Irritationen sorgen...


Kehinde Wiley in seinem Atelier in New York, 2012

Still aus dem Dokumenarfilm “Kehinde Wiley: An Economy of Grace” (2013)


Assistenten, Roboter, Outsourcing, Dumpinglöhne: Dass in einem Künstleratelier die Gesetze des kapitalistischen Dschungels gelten sollen, mag den einen oder anderen Kunstliebhaber vor den Kopf stößen. Sollte sich ein Künstler nicht vielnehr frei entfalten, sich über alle äußeren Zwänge hinwegsetzen und nur noch auf seine innere Stimme hören? Seine Handschift - uverwechselbar, sein Atelier - ein Tempel, sein Talent - eine göttlche Gabe. Kann ein Genie von einem anonymen Assistenten-Team ersetzt werden? Oder, noch schlimmer, von einem Roboter? Da wünscht man sich doch glatt die gute alte Zeit zurück! Antike, Mittelalter, Renaissance: Damals war die (Kunst-)Welt noch in Ordnung. Damals haben Künstler ihre Werke noch selbst ausgeführt, ihr Handwerk noch selbst beherrscht, damals arbeiteten sie noch allein in ihren Ateliers und der Kuss der Muse war ihnen Inspiration genug... Oder nicht?



5. Die mittelalterliche Werkstatt und die Folgen


Nein, eigentlich nicht. Tatsache ist, dass auch in der Vergangenheit beinah jeder erfolgreiche Künstler auf Assistenten-Hilfe zurückgegreift. Während Maler für gewöhnlich eine überschaubaree Anzahl an Mitarbeitern beschäftigen, benötigen Bildhauer naturgemäß mehr Man Power. Seit der Antike berichten Geschichtschreiber von Künstlerwerkstätten, in denen Meister, Assistenten und Lehrlinge anonym, auftragsbasiert, effizient und arbeitsteilig produzieren - wie jeder andere handwerkliche Betrieb auch. Von individueller Selbstverwirklichung und sinnlichem Experiment: keine Spur.


1. Werkstattarbeit in einem Künstler-Atelier, um 1600 2.-3. Donald Judd bei der Abnahme seiner Plastik in der Bernstein Brothers-Werkstatt in New York, 1968 © Elizabeth Baker 4.-5. Tobias Hoffknecht in einer Düsseldorfer Metalwerkstatt © Damian Rosellen 6.-10. In der Druckerei des Dänischen Druckmeisters Niels Borch Jensen, der Kunstdrucke für Keith Haring, Georg Baselitz, Olafur Eliasson oder Per Kirkeby ausführt, 2018 © Birgitte Rubæk

Und damit nicht genug: Weil einige Aufträge spezielles Equipment und Sonderkompetenzen erfordern, werden einzelne Arbeitsprozesse an Fachwerkstätten deligiert und somit "outgesourced": an Gießereien, Druckereien, später Fotolabors und Filmstudios... Seit eh und je arbeiten Künstler in Kooperation mit gut ausgebildeten Handwerkern zusammen. Der Künstler selbst agiert dabei als eine Art Regisseur: Er liefert die Kernidee, koordiniert alle Prozesse und setzt schließlich seine Signatur auf das fertige Werk. Dabei beteiligt er sich häufig nur wenig an der physischen Entstehung seiner Werke. Wie frühneuzeitliche Künstlerateliers organisiert waren, beschreibt eindrücklich Peter Dittmar:

Aus der Dürer-Werkstatt sind die "drei Hansen" als Helfer bekannt, die es danach zu eigenständigem Ruhm brachten (...). Über die Rubens-Werkstatt berichtete 1621 ein deutscher Student: "In  diesem Saale saßen viele junge Maler, die alle an verschiedenen Stücken  malten, welche mit Kreide von Hrn. Rubbens vorgezeichnet worden waren  und auf denen er hier und da einen Farbfleck angebracht hatte." Und wenn es bei einem Gemälde "Rembrandt und Werkstatt" heißt, gelingt es Kunsthistorikern durchaus, die "Hände zu scheiden" und festzustellen,  was da von Rembrandts, was von fremder Hand ist. Nur bei Lucas Cranach,  der seine Gesellen offenbar rigoros auf seine Malweise und seinen Stil  festgelegt hatte, sind alle Versuche gescheitert, Meister und Gesellen  auseinanderzuhalten (7). 

Tobias Hoffknecht in einer Metalwerkstatt

© Damian Roselle

Und der Bildhauer Tobias Hoffknecht erwidert in einem Interview auf die Frage, warum er seine Metallskulpturen nicht selbst herstellt:


Ich könnte das sicher lernen. Niemand hält mich davon ab, eine  Ausbildung zum Schlosser zu machen. Aber das ist etwas, was mich gar  nicht interessiert. Ich denke, es ist höchst zeitgemäß, dass ein  Künstler Entwürfe umsetzen lässt. Es kann sehr schwierig sein,  Handwerker zu finden, die sich auf so etwas einlassen. Ich habe  glücklicherweise eine sehr versierte Werkstatt hier in Düsseldorf und  arbeite manchmal mit Handwerkern in Berlin und Italien. Die Leute dort  verstehen mich gut und machen das ganz toll – viel besser als ich es je  könnte.

Auguste Rodin beaufsichtigt die Arbeiten an seinem Victor Hugo-Denkmal, 1896

Die sogenannte Händescheidung - der Frage nach der faktischen Autorenschaft über ein Kunstwerk - bildet im Bereich der Kunstgeschichte ein eigenes Forschungskapitel. Welcher Künstler hat zu welchen Zeit in wessen Werkstatt gearbeitet und wer genau hat konzeptuell ein Kunstwerk zu verantworten? Diese Frage ist nicht nur ideeler Natur: Sie spiegelt sich auch im monetären Wert eines Kunstwerkes wider. Bei Andy Warhol beispielsweise macht es im Nachhinein einen gewaltigen Preisunterschied, ob ein Siebdruck von ihm, aus seiner Factory oder von einem Externen stammt. Warhols Händler Rudolf Zwirner hat mit diesem Problem alle Hände voll zu tun, da Warhol nicht nur seine Werke, sondern auch Raubkopien bereitwillig unterschrieb (5):


Er hat alle Arbeiten akzeptiert. Ich  habe mich oft beklagt, aber er fand das nur amüsant. Er war sogar begeistert, denn wer kopiert wird, der ist berühmt. Nur für den Nachlass war das ziemlich kompliziert. Die Auflagen seiner Werke sind oft nicht bekannt, und Warhol hat alles signiert, was ihm  unter den Stift kam. Man muss auf die Provenienz (Herkunft, also v. a. den Erstbesitzer; Anm. KT) der Arbeiten achten. (Zwirner im Zeit-Interview von 2012)

Musée de Montmartre, das rekonstruierte Atelier von Suzanne Valadon.

Autorin dieser Zeilen beim Probesitzen, 2017

Das, was wie eine heitere Geschichts-Stunde begonnen hat, ist in einer mühsamen Arbeitsrechts-Stunde ausgeartet. Wie unerfreulich. Und doch sind Ateliers und Arbeit nicht voneinander zu trennen: Schließlich fungieren diese als Arbeitsstätten der Kunst und unterliegen somit den Gesetzen der Arbeitswelt. Es sei denn, ein Künstler entzieht sich dem Kunstmarkt und betreibt seine Kunst als Hobby. Dann wird sein Treiben unter Liebhaberei verbucht, und der Künstler ist fein raus. Doch sobald hinter seiner Tätigkeit eine "Gewinnerzielungsabsicht" steckt (ein weiteres Unwort des Steuerrechts), wird es kompliziert. Dann gilt ein Künstler als Profi, egal ob seine "Gewinnabsichten" von Erfolg gekrönt werden oder nicht. Und dann hat er Steuer abzuführen, Ausgaben gegen Einnahmen zu rechnen und viele andere lästige Aufgaben mehr, die ihn von seiner eigentlichen Tätigkeit, der Kunst, abhalten.



6. Das neuzeitliche Künstlergenie und die Folgen


Die allgemein verbreitete Vorstellung von einem freischaffenden, genialischen Künstler ist ein relativ neues Phänomen. Erst in der italienischen Frührenaissance entsteht das Konzept des Individualkünstlers, aus dem sich später das sogenannte 'Künstlergenie' entwickelt (6a). Seine Aufwertung geht vor allem auf die veränderte Auftragslage zurück. Während Künstler des Mittelalters hauptsächlich für Könige und Kirchenväter arbeiten, treten ab 1400 wohlhabende Handels- und Fürstenhäuser als Auftraggeber auf. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern sind sie recht neu im Geschäft. Sie verdanken ihren Reichtum ihren international florierenden Geld- und Handelsgeschäften: Es sind die ersten Selfmade-Männer des Abendlandes. Und um ihren neuen sozialen Status zu festigen, sind sie bereit, enorme Summen in Statussymbole zu investieren. "Follow the Money": Der Leitsatz des Kriminalisten gilt auch für die Kunst. Dort, wo Geld locker sitzt, bilden sich neue Kunstzentren heraus. Prunkvolle Paläste schießen aus dem Boden, riesige Marmorskulpturen werden auf Sockel gehievt, Wand- und Deckengemälde in Auftrag gegeben... 'Mehr' heißt in der Renaissance 'mehr denn je zuvor', und bildende Künstler profitieren am meisten von diesem Geltungsdrang ihrer neureichen Auftraggeber.


Der Maler Albrecht Dürer stellt sich 1500

christusgleich dar. Anmaßender geht es kaum.

Herausragende Künstler bekommen nun die Chance, groß herauszukommen. Während ihre Vorgänger anonym tätig waren, sind die Namen der Renaissance-Künstler schon zu ihren Lebzeiten überregional bekannt. Ihr Stil, ihre Handschrift, ihre Signatur, selbst ihre Arroganz werden zum Gegenstand öffentlichen Interesses. Der Künstler präsentiert sich nicht mehr als simpler Handwerker, sondern als einzigartiges Genie, als Vermittler zwischen Mensch und Gott, als Medium. So spricht der nordalpine Maler Albrecht Dürer von der „öberen Eingießungen“ (6b) und glaubt an seine Auserwählten-Rolle. Sein Selbstporträts à la Jesus zeugt eindrucksvoll vom Imagewechsel des Renaissance-Künstlers.




7. Der Hofkünstler und die Folgen


Mit dem neuen Prominentenstatus der Künstler gehen neue Privilegien einher. Fürstenhäuser und Kirchen buhlen um ihre Gunst, versuchen, sie als 'artists in residence' dauerhaft an sich zu binden. Gegen Kost und Logis sichern sie sich Exklusivrechte auf ihre Werke und fördern damit die Entstehung eines neuen Künstlertypus: den des Hofkünstlers. Dieser arbeitet nicht mehr in einer funktional eingerichteten Werkstatt, sondern in einem eleganten Atelier, Wand an Wand mit seinem hochgeborenen Auftraggeber. Ihre Beziehung ist quasi familiär. Der Förderer und sein Hofstaat gehen beim Hofkünstlers ein und aus. Sein Atelier dient nicht mehr als reine Produktionsstätte, sondern wird als Empfangsraum, Showroom und als Ort theatralischer Selbstinszenierung genutzt, und zwar sowohl vom kunstaffinen Gönner als auch vom Künstler selbst.


Jean-Auguste-Dominique Ingres: Der Tod des Leonardo da Vinci, 1818


Wie eng die Beziehung zwischen Künstler und Förderer nach außen wirkt, belegt die bekannte Abschiedsszene, die sich zwischen Leonardo da Vinci und seinem letzten Gönner, dem französischen König Franz dem I., abgespielt haben soll. Der große Renaissance-Biograf Giorgio Vasaris berichtet darüber in seinem Opus Magnum "Lebensbeschreibungen der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten" von 1550:


Der König, der Leonardo oft und liebevoll besuchte, kam [] und hielt ihm das Haupt, um ihm eine Hilfe und Gunst zur Erleichterung seines Übels zu erweisen. Da erkannte Leonardos göttlicher Geist, dass ihm keine größere Ehre widerfahren könne, und er verschied in den Armen des Königs im siebenundsechzigsten Jahre seines Lebens (6c). 

Der Künstler und sein Gönner, in gegenseitiger Wertschätzung am Todesbett vereint: Inniger kann das Verhältnis zwischen dem Künstler und seinem Publikum nicht mehr werden. Schade nur, dass diese Anekdote einer historischen Überprüfung nicht standhält: Zum fraglichen Zeitpunkt soll sich der König nicht bei Leonardo in Amboise, sondern nachweislich auf Reisen befunden haben (6d). Historisch bedeutsam bleibt diese Geschichte aber trotzdem. Denn sie belegt, welch hohe Wertschätzung des Künstlers zu Vasaris Zeiten als angemessen erachtet wird.


8. Der 'freie' Künstler des 19. Jahrhunderts und die Folgen


Velasquez: Portrait der Infantin Maria Theresa

(Las Meninas), 1652-53

Man halte also fest: Sozioökonomisch steigt der Künstler nach 1450 enorm auf. Doch noch immer ist er nicht frei im heutigen Sinne dieses Wortes. Wie schon im Mittelalter hat er weiterhin strenge Vorgaben zu befolgen. Das Format, das Motiv, selbst die Farbgebung seiner Werke sind vertraglich festgelegt. Der Auftraggeber stattet ihm regelmäßige Atelierbesuche ab, überprüft seine Vorskizzen, meldet Korrekturwünsche an, kontrolliert den Fortschritt... Die räumliche Nähe zum Auftraggeber bedeutet Segen und Fluch zugleich. Und auch Künstler, die nicht am Hof, sondern selbständig in ihren Werkstätten arbeiten, müssen sich sehr genau an die Vorgaben ihrer Auftragsgeber halten.

Das heutige Konzept des "freien Künstlers", der niemandem Rechenschaft schuldet und seiner Phantasie freien Lauf lassen kann, bildet sich erst im 19. Jahrhundert heraus. Es handelt sich also um ein relativ neues Phänomen. Dieser Künstlertypus fühlt sich nur noch seinem "künstlerischen Gewissen" verpflichtet (Carl Neumann, 1897, 6e) und kann tun und lassen, was er möchte. Doch was nach einem Befreiungsschlag klingt, bedeutet in der Praxis eine Menge Stress. Seitdem Künstler frei und an keinen Auftraggeber mehr gebunden sind, müssen sie selbst schauen, wie sie ihre Miete bezahlen. Weder wohlhabende Privatiers noch krichliche oder staatliche Institutionen fühlen sich für sie verantwortlich. Der Preis, den Künstler für ihre Freiheit zahlen, ist hoch.


Während viele junge Künstler in ihren Ateliers von Erfolg, Anerkennung, vielleicht sogar Weltruhm träumen, können in Deutschland nur 3% aller Künstler von ihrer Kunst leben (6b). Eine ernüchternd geringe Zahl. Dabei stehen deutsche Künstler im internationalen Vergleich noch relativ gut da:

1. Die Künstlersozialkasse (KSK) bezuschusst mit 50% ihre Pflichtbeiträge zur gesetzliche Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung.

2. Wer dem Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) beitritt, kann dort Gleichgesinnte treffen, rechtlichen Rat einholen oder sich über aktuelle Kunstwettbewerbe und

-ausschreibungen informieren. Jörg Immendorff: Ich wollte Künstler werden, 1972


3. Zahlreiche staatliche Förderprogramme helfen Künstlern fianziell, mit Austellungen oder Atelierräumen über die Runden (nachzulesen im Fachmagazin Das Atelier).

Doch all diese Programme sind kein Selbstläufer. Vielmehr setzen sie komplexe Bewerbungsverfahren und langen Wartezeiten voraus, bündeln Unmengen an Energie, sind zeitlich begrenzt und letztlich nur ein Trostpflaster für die nach wie vor prekäre Lage der Künstler.

Um im Kunstsystem langfristig Erfolg zu haben, benötigen angehende Künstler Organisationstalent, strategisches Networking, juristische, journalistische und mediale Kompetenzen, Startkapital, Vitamin B, gute Nerven, langen Atem... Also im Prinzip all das, was jedem Berufsanfänger in jedweder Branche gut stehen würde. Ein bisschen Genie wäre natürlich auch schön - aber bei Weitem nicht ausreichend.



Man halte fest: Je mehr sich der Künstler im Laufe der letzten fünf Jahrhunderte von seinen Auftraggebern emanzipiert, je individueller und unabhängiger er sich gibt, desto prekärer wird seine finanzielle Lage. Während die Werkstätten der Antike und der Renaissance einen festen Kundenstamm bedienen, und die Künstler der frühen Neuzeit im Schutze der Kirche, der Fürsten- und der Königshäuser schaffen, müssen zeitgenössische Künstler selbst zusehen, wie sie ihre Kunst verkaufen. Und auch ihr Atelier müssen sie selbst finanzieren - beziehungsweise überhaupt erst eins finden, denn bekanntlich sind Atelierräume nicht nur teuer, sondern vielerorts auch rar. Kein Wunder also, dass das Thema Atelier(-Suche) zu einem leidigen Evergreen der Szene avanciert. Auch die kürzlich veröffentlichte Studie zur wirtschaftlichen Situation der Künstler (Hrg. von BKK, 2016) widmet sich in großen Partien dem Thema Atelier, dessen Notwendigkeit sowie (Un-)Bezahlbarkeit.


Weil es so schön ist (und es gar nicht so schön war): Das Pariser Atelier von Amedeo Modigliani, digital rekonstruiert (2017 © Preloaded / Tate Modern) versus dessen historische Fotos


So viel zur sozioökonomischen Lage des "freien" Künstlers. Bleibt die Frage, wie sein Atelier heute nun aussieht. Gibt es das überhaupt, diesen klassisch-nostalgische Dachraum, wie man ihn aus Flm und Fernsehen kennt? Oder hat es längst ausgedient, das One-Man-Atelier mit seinen schimmeligen Ecken, verkrusteten Pinseln und zusammengequetschten Farbtuben? Anders gefragt: Muss jeder Künstler ab einem gewissen Grad der Professionalisierung auf Roboter und Outsourcing umsatteln und sich nur noch mit Buchhaltung und Prozessoptimierung beschäftigen?


9. Das heutige Atelier: von allem ein bisschen


Die gute Nachricht vorab: nein, muss er nicht. Das nostalgische Atelier lebt! Und davon gibt es unzählige Formen und Modelle, welche ganz individuell auf die Bedürfnissen, die Persönlichkeit und das Portemonnaie des Künstlers zugeschnitten werden können.


1. Kunstkammer mit dem Maler David Teniers vor der Staffelei, nach 1651 2. Kees Van Dongen in seinem Pariser Atelier, 1959 © René Vital 3. Willem de Kooning in seinem Atelier in East Hampton, 1997 © Thomas Hoepker 4. David Hockney © Jim McHugh, 1980er 5. Im Atelier von Römer + Römer in Berlin mit Studentenbesuch, 2017 6. Altkanzler Schröder mit Jörg Immendorff und dessen Frau Oda Jaune, vor dem offiziellen Kanzlerporträt, 2007


Dabei spiegelt sich der Wandel der gesellschaftlichen Künstlerrolle, wie dieser zuvor umrissen wurde, in der Geschichte des Ateliers wider. Je weiter der neuzeitliche Geniekult voranschreitet, je stärker der kreative Akt verklärt und mystifiziert wird, desto weniger dient das Atelier als reine Produktionsstätte. Statt dessen wird dieser Raum zunehmend multifunktional genutzt:


Pablo Picasso in seinem Atelier in Cannes, 1956 @ Arnold Newman (koloriert)

1. Zum einen wird dort natürlich nach wie vor Kunst prouziert: teils in Eigenregie, teils von Spezialfachkräften und Assistenten, wie es schon bei der mittel-alterlichen Kunstwerkstatt der Fall war.

2. Zum anderen fungiert das Atelier als Empfangsraum für Auftraggeber und Machtrepräsentanten, wie einst beim neuzeitlichen Hofkünstler. So besucht der Altkanzler Gerhard Schröder den Maler Jörg Immendorff in seinem Atelier (s. oben); Andy Warhol empfängt in seiner Factory Gott und die Welt, und auch bei Kehinde Wiley gehen Schauspieler, Politiker und andere V.I.P.s samt ihren Hofstaates, den Pressefotografen und Journalisten, ein und aus.

3. Wie die Kunstkammer des Barocks dient das Atelier als Präsentations- und Ausstellungsraum für Sammler, Ausstellungsmacher und andere Akteure des Kunstbetriebs. Hier finden Verkaufsgespräche statt, wofür der Raum entsprechend hergerichtet werden muss: Bilder werden aufgehangen, Licht ausgerichtet, Kataloge ausgelegt, Kaffee gekocht, gelegentlich auch Champagner kalt gestellt.

4. Und nicht zuletzt dient das Atelier als Bühne für eine theatralische Selbstinszenierung, wie sie die Malerfürsten des 19. Jahrhunderts etabliert haben.


1. Selbstinszenierung des Malerfürsten Hans Makart in seinem Wiener Atelier, 1875 2. Pablo Picasso in seinem Atelier in Cannes, 1956 © Arnold Newman 3. Peter Blake in seinem Londoner Wohnatelier © Luke Andrew Walker 4. Nicholas Coleman in seinem Atelier in Provo, Utah, um 2010 5. Markus Lüpertz in seinem Atelier in Teltow bei Berlin, 2013 6. Berliner Maler Jonathan Meese als Schmuckdesigber, um 2015 © Jan Bauer


Alle historischen Funktionen eines Ateliers bleiben somit erhalten - genauso wie die verschiedenen Künstlerrollen sich nicht nach und nach ablösen, sondern weiterhin nebeneinander existieren und nur differenzierter und zahlreicher werden. Dazu Ernst Kris und Otto Kurz in ihrem programmatischen Werk "Die Legende vom Künstler" (1934):


In jeder Phase der geschichtlichen Entwicklung fügen sich den älteren neue soziale Typen an, ohne dass diese älteren darum verschwunden wären. Das akademische Schulhaupt steht neben dem revolutionären Neuerer, der Künstler als Universalgenie oder als Edelmann neben dem Einsamen und Verkannten, und diese Vielfalt sozialer Bildung geht in das Künstlervolk des 19. Jahrhunderts ein.


10. Forschungsstand: Atelier in Text und Bild


Wie unterschiedliche Atelier-Typen aussehen können, lässt sich im ersten Schritt hervorragend online recherchieren. Dabei finden sich im Netz mal mehr, mal weniger repräsentative und umfangreiche Bildersammlungen zu diesem Thema. Mal heißen sie 125 Artists and Their Historic Studios. Oder auch (mehr ist schließlich mehr) 312 Famous Artists And Their Studios. Oder noch großspuriger: The Most Beautiful Artist’s Studios on the Planet! Inwiefern die dort zusammengetragenen Künstler tatsächlich "famous" sind und nach welchen Kriterien die "most beautiful" Ateliers ausgewählt werden, bleibt dabei das Geheimnis der Verfasser.


Die wahrhaftig beste, weil umfangreichste und systematischste Atelier-Seite aller Zeiten: Atelier(b)log von Harke Kazemier (NL)

Das atelierlog.blogspot von Harke Kazemier ragt aus dieser Blderflut qualitativ hervor. Kazemier arbeitet als Künstler und Dozent an der Kunstacademie Haarlem in Leiden (NL). Somit ist er selbst vom Fach. Seit 2005 postet er in seinem Blog Atelierbilder. Alle Künstler, die in der internationalen Kunstszene Rang und Namen haben, dazu noch viele spannende Newcommer, Exoten, Grenzgänger und Außenseiter finden sich in Kazemiers Bildersammlung wieder. Zwecks Recherche ist diese Seite höchst informativ und uneingeschränkt empfehlenswert.



Neben digitalen Bildarchiven wie dem Atelierlog befassen sich natürlich auch wissenschaftliche Studien mit dem Thema Künstleratelier, etwa "Das Atelier als Spiegelbild des Künstlers" (2009) von Birgit Jooss. Schwere, prunkvolle Fotobänder gewehren vermeintlich intime Einblicke in die tatsächlich durch und durch inszenierten Künstlerräume, wie etwa David Seidners "Im Atelier der Künstler" (2000). Auch Ausstellungen beleuchten des Öfteren das Thema Atelier: 2012 fand in der Staatsgalerie Stuttgart die Ausstellung "Mythos Atelier" statt; das Kunstmuseum Luzern zeigte 2012 die Ausstellung "Das Atelier: Orte der Produktion"; 2013-14 war im Museum für Gegenwartskunst Siegen "At Work: Atelier und Produktion als Thema der Kunst heute" zu sehen. Die letztgenannte Ausstellung war dem sogenannten 'Atelierbildnis' gewidmet: einer eigenen Bildkathegorie innerhalb des Genres 'Interieur', bei welcher der Maler entweder sich selbst oder einen Kollegen im jeweiligen Arbeitsumfeld darstellt. Das Thema Atelier erweist sich somit nicht nur als erforschungs-, sondern auch als kunstwürdig.


Ein kleiner historischer Exkurs:

La Ruche, das legendäre Künstlerhaus in Paris


La Ruche bedeutet auf Französisch "Bienkorb". Diese Bezeichnung spielt auf die runde Form und auf die Beengtheit dieses legendären Künstlerhauses in Paris an. Anfang des 20. Jahrhunderts haben dort Künstler wie Chagall, Soutine, Delaunay, Modigliani, Léger, Brâncuși 0der Nurenberg gewohnt und gearbeitet; der letztere war mein Urgroßvater.

Chagal erinnert sich mit gemischen Gefühlen an La Ruche (8b):


„Seit einer Woche ist das Atelier schon nicht mehr gereinigt worden. Rahmen, Eierschalen, leere Bouillonbüchsen für zwei Sou liegen durcheinander. [...] Auf dem Boden lagen in trauter Nachbarschaft Reproduktionen von El Greco, von Cézanne, die Reste eines Herings, den ich in zwei Teile geteilt hatte, den Kopf für den ersten Tag, den Schwanz für den nächsten, und – Gott sei Dank – Brotkrusten [...]. Während in den russischen Ateliers ein gekränktes Modell schluchzte, bei den Italienern Lieder und Gitarrenklänge ertönten, bei den Juden Diskussionen, war ich ganz allein in meinem Atelier vor meiner Petroleumlampe. Im Atelier überall Bilder, auf Leinwände gemalt, die übrigens keine waren, sondern vielmehr meine Tischtücher, meine Lacken, meine Nachthemden, die ich in Stücke geschnitten hatte. Zwei, drei Uhr morgens. Der Himmel ist blau. Die Morgenröte steigt auf. Irgendwo weiter weg schlachtet man das Vieh, die Kühe brüllten, und ich malte sie.

Howard Hodgkin in seinem Atelier, 1965

© Tony Evans / Getty Images

Ob nun Kunsthistoriker, Fotodokumentalisten, Ausstellungs-macher oder Künstler: Sie alle eint ihre Faszination vom Künstleratelier. An Quellen mangelt es nicht. Daher maßt sich dieser Beitrag auch nicht an, die Atelier-Geschichte neu zu schreiben. Vielmehr soll er einen groben Überblick über die gängigen Atelier-Modelle verschaffen, um dem angehenden Künstler bei seiner Orientierung zu helfen. Vielleicht erspart es übermäßige Ausgaben in überflüssige Materialien, Möbel und Requisiten ("weniger ist mehr") und schärft den Blick für das Wesentliche ("form follows function"). Was das allerdings konkret bedeutet, muss jeder Künstler für sich selbst herausfinden.

Dass ein Atelier weit mehr als ein Ort künstlerischer Produktion ist, müsste inzwischen klar geworden sein. Auch dass es unterschiedliche Modelle davon gibt, wurde an den vorangegangenen Beispielen deutlich. Den Anfang haben die gigantomanischen, US-amerikanischen Star-Ateliers der Superlative gemacht (s. o.). Auch wenn sie sich auf den ersten Blick vom klassischen Künstleratelier grundlegend unterscheiden, sind sie tatsächlich tief in der Atelier-Geschichte verwurzelt. Denn sie vereinen das mittelalterliche Werkstatt-Prinzip mit dem Geniekult der Renaissance in einer postmodernen Allianz. Parallel dazu gibt es natürlich auch kleinere Studio-Varianten, klassische One-Man-Ateliers, bei denen das Wohnatelier den Auftakt macht: Der Arbeitsraum in den eigenen vier Wänden, der Ort, wo alles begann.



6. Home Office: Das heimische Atelier


Tatsächlich ist die anfangs geschilderte Kinderzimmer-Umgestaltung nicht (nur) anekdotisch gemeint. Vielmehr stellt sie die klassische Ausgangsstuation vieler Künstlerlaufbahnen dar: Jeder noch so große Künstler hat wortwörtlich klein angefangen - für gewöhnlich in seinem Kinderzimmer. Somit hat fast jeder Künstler Erfahrungen mit einem Wohnatelier sammeln können.


René Magritte in seinem Wohnatelier in Brüssel, 1964 © Christian Gibey

Aber auch erwachsene, arivierte Künstler arbeiten häufig zuhause. Im Internet gibt es viele inspirierende Ideen, wie man sein Home-Atelier einrichtet und was es dabei zu beachten gibt, etwa unter "How to make an art studio at home (even when you have no space)" oder gleich beim Online-Einrichtungsexperten für alle Lebenslagen, houzz.com. Aus den vielen Bildern lernt man vor allem eins: Platz ist in der kleinsten Hütte. Aber auch: Größer geht immer. Fest steht: Ein Wohnatelier spart Geld, lange Wege und lässt Arbeit und Familie besser vereinbaren.


Doch gerade darin liegt auch das potenzielle Problem. Je nachdem, wie rücksichtsvoll der Partner, klein die Kinder, mitteilungsbedürftig einzelne Familienangehörigen sind, kann aus einem Home Office schnell ein Bereitschaftsdienst 24/7 werden. Man ist ja immer da, also könnte man mal eben... Und Zack, ist der Arbeitsprozess unterbrochen.

Im Übrigen betrifft das Problem nicht nur die bildenden Künstler. Alle Berufstätigen müssen sich im Home Office gut abgrenzen können. Und selbst wenn alle Angehörige Rücksicht nehmen (sehr unwahrscheinlich) und keiner von ihnen durchs Bild läuft (fast unmöglich), ist ein räumlich getrenntes Atelier oftmals vom Vorteil. Schon auf dem Weg dorthin schaltet man in Arbeitsmodus. Vor Ort hat man im Idealfall weniger Ablenkung (Wäsche, Küche, Bad...), kann sich besser disziplinieren, länger am Stück durcharbeiten, die Konzentration steigt, die Gefahr zu prokrastinieren sinkt, Erfolg auf ganzer Linie!


Am Rande sei angemerkt, dass ein Home Office kein Behelf sein muss und nicht nur bei Hobbykünstlern beliebt ist. Auch professionelle Künstler wissen die Annehmlichkeiten eines häuslichen Ateliers sehr wohl zu schätzen. Ein Paradebeispiel dafür liefert das Heimatelier des belgischen Malers René Magritte. Zeit seines Lebens arbeitete Magritte zuhause, die Küche und seine geliebte Frau Georgette stets im Blick. Laut Zeitzeugen begab sich Magritte jeden Morgen pünktlich um 8 und im Anzug (!) an seinen Arbeitsplatz. Von so Magrittes Atelier in 135, Rue Esseghem, viel Eifer und Dresscode-Bewußtsein Brüssel © Katharina Cichosch / Schirn

kann heute manch Arbeitgeber nur träumen.

In einer kleinen Ecke im Wohnzimmer stand Magrittes Staffelei. Dort arbeitete er allein, ohne Assistenten, geschweige denn Roboter. Er besaß nicht einmal einen Malkittel, und auch den Teppich unter seiner Staffelei deckte er nicht ab. Seinen staunenden Besuchern erklärte Magritte augenzwinkernd, dass Farbe auf die Leinwand und nicht auf den Boden gehöre. Wozu also die Umstände? (10) Offenbar glaubte auch Magritte, dass weniger mehr ist. Und damit stand er keineswegs allein.



7. Weniger ist mehr: Das Atelier als Heremiten-Klausel


G. F. Kersting: C. D. Friedrich in seinem Atelier (Berliner Bild), 1812

Dass 'weniger' zuweilen 'rein gar nichts' bedeutet, belegen eindrucksvoll die drei Atelierbildnisse von Georg Friedrich Kersting. Darauf stellt er seinen Freund und Kollegen Caspar David Friedrich beim Arbeiten in dessen Dresdner Atelier dar. Zwei Mal (1811 und 1819) wird Friedrich im Sitzen abgebildet; auf der Version von 1812 steht Friedrich hinter seinem Stuhl und betrachtet seine Leinwand. Doch bis auf diese geringfügigen Unterschiede ähneln sich die drei Bilder sehr. Das Licht, die Einrichting, der Raumausschnitt sind beinah identisch, selbst Kerstings Blickwinkel bleibt gleich.

Wer nun in Friedrichs Atelier ein wildes Durcheinander an Farben, Leinwänden und sonstigem Material erwartet, liegt allerdings völlig daneben. Statt dessen wirkt der dargestellte Raum befremdlich leer. Stuhl, Fenster, Staffelei - mehr scheint der große Landschaftsmaler nicht zu besitzen. Selbst das Tageslicht hat er aufs Minimum reduziert: Die Fensterläden links sind zu, das rechte Fenster wurde vollständig mit Brettern verschalt.


G. F. Kersting: C. D. Friedrich in seinem Atelier

(Hamburger Bild), 1811

Warum nur, mag sich der eine oder andere Betrachter fragen. Sind große Fenster nicht das eigentliche Qualitätskriterium eines jeden Künstlerateliers? Und warum verschanzt sich ausgerechnet ein Landschaftsmaler in einem dunklen Raum, anstatt nach draußen zu gehen und im Freien zu malen?

Zum einen, weil es zu Friedrichs Zeiten nicht üblich ist. Erst nach 1841, mit der Erfindung der Tubenfarbe und der Feldstaffelei, wird das Malen im Freien praktikabel. Bis dahin werden draußen nur Studien angefertigt, im Fall von C. D. Friedrich mit Feder oder Aquarell. Landschaften in Öl entstehen dagegen grundsätzlich in geschlossenen Räumen.


Ein seltener Anblick: C. D. Friedrich lüftet.

C. D. Friedrich: Blick aus dem Fenster des Künstlers, 1805-06

Zum anderen spiegelt Friedrichs Atelier seine Grundeinstellung zur Kunst wider: "Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht," so Friedrich in einem Brief (12). Selbst seine einzigartige Aussicht auf die Elbe (rechts) lässt Friedrich kalt. Vielmehr fühlt er sich von den vorbeiziehenden Schiffmasten in seiner Konzentration beeinträchtigt. Also zieht er seine Festerläden zu, um sich ohne äußerer Ablenkung dem zu widmen, was er "in sich sieht". Auch die Ateliertür links (s. o.) bleibt demonstrativ verschlossen. Der Schlüssel steckt - und ersetzt damit das Schild "Bitte nicht stören".

Kerstings Atelierdarstellung zeigt die Voraussetzungen, unter denen Friedrich seine Werke schuf: Einsamkeit, Meditation, Konzentration. Es vermittelt eine  Vorstellung davon, wie überlegt und mit welchem Ernst der Künstler seine Arbeit anging, und es lässt den hohen Anspruch spüren, den er dabei an sich selbst und an das Entstandene  stellte. Ohne uns das Bild selbst zu zeigen, vermittelt uns Kersting  einen Eindruck von Friedrichs religiöser Landschaftsmalerei, bei der die Staffelei zum Altar erhöht wird. (11). 

Friedrichs Atelier enthält nur das, was er zum Arbeiten braucht. Hier ist kein Platz für nostalgische Erinnerungsstücke und spektakuläre Selbstinszenierung. Nicht einmal seine eigenen Bilder hängt Friedrich auf: eine herbe Enttäuschung für jeden Hobby-Maler, der sich gern mit seinen eigenen Arbeiten umgibt. Und so stellt sich die Frage, ob ein professionelles Atelier grundsätzlich einer Mönchzelle gleichen muss, um einen klaren Fokus auf das Wesentliche zu gewährleisten?



8. Mehr ist mehr: das kreative Chaos


Francis Bacon in seinem Londoner Studio, 1973

© Peter Stark

Die Antwort lautet: Nicht unbedingt. Als Gegenentwurf zu C. D. Friedrichs Heremiten-Klausel sei das Londoner Atelier des Malers Francis Bacon angeführt. Das unfassbare Chaos, das Bacon dort veranstaltet hat, ist legendär:

Der Boden, der Tisch, die Regale sind von einem Wust von Gegenständen bedeckt. Auch die Wände sind nicht leer: Sie sind mit allem Möglichen behangen. Bacon hat keine Palette benutzt; er drückte die Farbe auf das, was ihm gerade in die Hände fiel. Wenn er eine Farbe ausprobieren wollte, zog er seinen Pinsel über die Wand. Auch die Dielen kommen nur hier und da zum Vorschein. Auf dem Tisch liegen unzählige Bücher; die hinteren herauszuziehen ist nicht möglich. Sie sind verschanzt hinter Putzlappen, Schachteln, Gläsern, Kartons, zerknüllten Zeitungen, weggeworfenen Tüten, zerrissenen Fotos. Der Boden ist kniehoch von unzähligen Gegenständen bedeckt, durch die wie durch eine Wiese ein ausgetretener Pfad zu dem Stuhl führt, auf dem Bacon ab und zu saß. (13) 

Bacon hat sich zu seinem (nicht erkennbaren) Ordnungskonzept wiederholt geäußert: "Es ist Sache der Bilder, Ordnung zu schaffen" (14). Und: "I feel at home here in this chaos because the chaos suggests images to me" (15). Und so hat Bacons Fan-Community dieses Chaos als derart inspirierend befunden, dass sie es nach seinem Tod 1992 konserviert hat. Jedes Papierfitzelchen, jedes zerknüllte Taschentuch wurde inventarisiert, sorgfältig verpackt und von London nach Dublin, Bacons Heimatstadt, überführt. Selbst Wände, Decke, Fußboden und Tür sind mitgekommen. Nun kann man dieses Gesamtkunstwerk

seit 2001 in der Hugh Lane Gallery, Dublin, bestaunen: museal ausgeleuchtet und durch eine Glasscheibe gechützt. Bei diesem Anblick erscheint es kaum vorstellbar, dass Bacon Ende der 1920er Jahre in Paris seinen Lebens­un­ter­halt als Innen­anrchitekt verdient hat..


Bacons Atelier: Rekonstruktion in der Hugh Lane Gallery in Dublin


Atelier von Alexander Calder in Roxbury, Conneticut, 1964 © Pedro Guerrero


Das Atelier von Francis Bacon hat in den letzten Jahren eine enorme mediale Präsenz erfahren. Allzu eindrucksvoll erscheint das dort herrschende kreative Chaos - und allzu gut fügt es sich in das klischeehafte Künstlerbild, bei welchem Genie und Wahnsinn gerne mal beieinander wohnen. Tatsächlich gleichen viele andere Ateliers der Baconschen Malerhöhle. Bildhauer sind dabei noch radikaler als ihre Malerkollegen. Immerhin sind ihre Werke und Materialien noch platzintensiver. Ob bei Henry Moore, Alexander Calder oder Jean Tinguely - vielerorts bietet sich das selbe Bild. Zwischen fertigen Werken und Entwürfen, Kunstmaterial und Müll, inspirierenden Fundstücken und Treibgut des Alltags fällt die Unterscheidung oftmals schwer - zumindest für den Außenstehenden. Muss ein Künstler also zwangsläufig ein Messi sein? Und geht ein erfülltes Künstlerleben nur mit einem überfüllten Atelier einher?



9. Mehr ist mehr, aber mit System


Dass viele Künstler Jäger und Sammler sind und alles in ihre Atelier-Höhle schleppen, was sie für ihre Arbeit brauchen, brauchen könnten, eventuell, eines Tages, vielleicht... - nun, das liegt vermutlich in der Natur der Sache. Denn Kunst wird aus Materialien gemacht, Materialien sind manchmal rar, oftmals teuer, da sorgt man gerne mal vor; Fotos, Bücher und andere Inspirationsquellen kommen erschwerend hinzu; manche Zufallsfunde werden für später aufbewahrt, von manchen Erinnerungsstücken kann man sich schwer trennen, für fertige Werke stehen nicht immer Käufer oder Lagerräme parat, auch sie müssen irgendwo untergestellt werden... Das summiert sich. Und wer schon mal eine Tischlerei von innen gesehen hat, weiß, dass nicht nur Künstlerateliers in Materialbergen versinken.

Doch auch hier ist es eine Typ-Frage, wie man mit der berufsbedingten Materialflut umgeht. Während Künstler wie Bacon alles einfach übereinander stapeln (mit viel gutem Willen könnte man dieses System chronologisch nennen), sortieren andere Künstler ihre Materialien säuberlich nach Größe, Farbe, alphabetisch, in beschrifteten Kartons - der Phantasie eines Ordnungsphanatikers sind keine Grenzen gesetzt.


Das Atelier von Gerhard Richter © Gautier Deblonde

Das Atelier von Sophie Calle© Gautier Deblonde

Das Atelier von Pierre Soulage © Gautier Deblonde


Tatsächlich ist Chaos für den kreativen Prozess nicht zwangsläufig förderlich. Wenn man sein Werkzeug nicht mehr findet und keine freie Wand mehr zum Malen hat, erschwert es eher das Arbeiten. Und so dübelt Tom Sachs sein Werkzeug an die Wand, Roy Lichtenstein stapelt seine Farbgläser vertikal, Karl Lagerfeld seine Bücher horizontal, Sophie Calle schiebt ihre Plastikschubladen auf Schienen hin und her und Cindy Sherman hat für ihre Perücken eine ganze Sammlung an Mannequin-Köpfen... Jeder Künstler entwickelt im Laufe der Zeit sein eigenes Ablagesystem. Ordnung erleichtert die Suche und vereinfacht die Arbeitsprozesse - wie bei jeder anderen Berufsbranche auch.

Darüber hinaus erfordert nicht jede Kunstform Berge an Material. Viele Künsler arbeiten heutzutage primär am Rechner, ziehen mit ihrer Kamera los oder schreiben ihre Texte in Cafés oder in der U-Bahn:


Das Atelier ist heute mehr als ein Raum, in dem Kunst produziert wird.  Oft findet es im Handy oder auf dem Laptop statt. Oder draussen, auf  Reisen, an fremden Orten. Das Nachdenken, Ausprobieren, Machen geschieht  unterwegs. Ein anderes Klima führt zu neuen Ideen (15)

Das Atelier fungiert hierbei nicht als Ort der Produktion, sondern als Ort der Reflexion, als eine Art Planungszentrale. Und einer solchen Atelier-Auffassung liegt ein konzeptueller Kunstbegriff zugrunde. Dabei entsteht das Kunstwerk nicht "aus der Bauch heraus", sondern wird Schachzug für Schachzug geplant. Entsprechend gut organisiert muss auch das Atelier sein. Digitale Dateien werden hier in transparent beschrifteten Orndern aufbewahrt, empfindliche Negative in lichtundurchlässigen Hüllen gelagert; Email-Verkehr mit Ausstellungsmachern, Kritikern, Assistenten und Spazialwerkstätten und -laboren will säuberlich dokumentiert werden. Ob Fotograf, Video-, Land-Art oder Konzeptkünstler: Ein Blick in eine Kunst-Planungszentrale verrät: Ordnung ist das halbe Leben. Beziehungsweise die halbe Kunst.


Exkurs: ein Schrank, der die Welt bedeutet

Eindrucksvoll, weil besonders platzsparend und praktisch, ist auch die oben abgebildete "Dreambox": ein Schrank, der im geschlossenen Zustand auch im Wohnszimmer geine gute Figur macht, der sich dann aber in Handumdrehen in ein Künstler-Studio verwandelt. Wer schon als Kind gern mit seinem Kaufmannsladen gespielt oder Lego nach Größe und Farbe sortiert hat, ist mit dieser Box gut beraten. Zugegebenermaßen ist sie recht teuer; dazu müsste sie aus den USA nach Deutschland verschifft werden. Aber vielleicht findet sich innerhalb der eigenen Familie ein passionierter Hobby-Tischler, der für seinen Lieblingskünstler eine Made in Germany-Box ganz individuell maßschneidert.

Wem es jetzt unter den Fingern kribbelt, kann sofort mit der Reorganiastion seines Ateliers beginnen. Im Netz finden sich fantastische Ideen und Anleitungen. Man braucht nur unter Google oder pinterest.com Begriffe wie "Aufbewahrung Malzubehör", "storage artist studio" oder Ähnliches einzugeben, und schon wird man überschüttet von inspirierenden Ideen, wie etwa unter diesem Link. Oder hier. Doch Vorsicht: Wenn das Einräumen, Beschriften, Etikettieren und Laminieren mehr Spaß bereitet als die eigentliche kreative Arbeit im Atelier, sollten die Prioritäten eventuell überdacht werden.


Oder das Atelier wird zu einem überholten Atavismus erklärt und ganz abgeschafft:


Der heutige Künstler oder die Künstlerin brauchen für ihr Schaffen nicht  zwingend eine abgeschlossene Zelle, zu der nur Privilegierte einen  Zugang erhalten. Kunst kann überall entstehen. Die Erweiterung des  Kunstbegriffs ab den 1970er Jahren geht einher mit der Ausweitung der  Orte, wo Künstlerinnen und Künstler ihre Werke erschaffen (16).





Jeder Künstler fängt man klein an. Viele arbeiten aus der Not heraus zuhause, einige schließen sich zu Künstlergemeinschaften zusammen: So kann man die Miete und vielleicht auch das Equipment teilen.


Junge Künstler schliessen sich darum oft zu Ateliergemeinschaften zusammen. Kostenteilung, Austausch, Inspiration, Netzwerken – alles Vorteile, die im Risikoberuf Kunst wichtig sind. Seitdem zunehmend Hochschulen [und keine Meisterwerkstätten] Künstler ausbilden, überschwemmen ambitionierte Künstler den Markt. Es ist also sinnvoll, Allianzen zu bilden, Projekte gemeinsam anzugehen. Nicht im einsamen Rückzug, sondern im Netzwerk liegt die Chance, sich zu etablieren,

schreibt etwa Ute Kenter. Nach dem Kunststudium schließen sich viele Künstler zu Ateliergemeinschaften Andererseits möchte nicht jeder Künstler expandieren.


Bei allen diesen Atelier-Konzepten ist die Grenze zwischen privater und öffentlicher Nutzung fließend.


Tipp:

Sehr empfehlenswert ist auch die programmatische Zeitschrift Atelier, DAS Printmedium der Wahl, wenn es um Tipps und Tricks rund um die eigene Künstlerkarriere geht. Neben der eigentlichen Zeitschrift Atelier, die monatlich erscheint, hat der Atelier-Verlag bisland 11 Ratgeber für Künstler herausgebracht. Deren Themen nehmen der bildenden Kunst den letzten Zauber und machen deutlich, worum die Gedanken der Künstler kreisen. Weder sind es . Vielmehr heißen die Themenschwerpunkte der "praktischen Ratgeber für den Berufsalltag":


KünstlerförderungKünstlerinformationMedienarbeit KünstlermarketingSelbstmarketing bildender Künstler KünstlerhäuserNichtkommerzielle AusstellungsorteKarriereplanungKunstmarkt und KarriereKunststipendien Kunst und Recht


Traurig, aber wahr: Die eigentliche Kunstpraxis scheint den


Das Atelier ist tot, es lebe das Atelier!


2 Warhol, Andy. In: Das, Rahul: The Art of Business, 08.10.2016. S. https://artplusmarketing.com/being-good-in-business-is-the-most-fascinating-kind-of-art-f637a1700bdc

3 Andy Warhol, Gerard Malanga und Philip Fagan in The Factory, New York, 1964 © Ugo Mulas Heirs / Archivio Ugo Mulas, Milano-Galleria Lia Rumma, Milano/Napoli

4 https://hamiltonselway.com/andy-warhols-silk-screening-process/

5 Warhols Händler Zwirner zu Warhol-Fälschungen, die schon zu Warhols Zeiten im Ulauf waren: "Es hat ihn nicht gestört, er hat alle Arbeiten akzeptiert. Ich habe mich oft beklagt, aber er fand das nur amüsant. Er war sogar begeistert, denn wer kopiert wird, der ist berühmt. Nur für den Nachlass war das ziemlich kompliziert. Die Auflagen seiner Werke sind oft nicht bekannt, und Warhol hat alles signiert, was ihm unter den Stift kam. Man muss auf die Provenienz der Arbeiten achten. ". In: https://www.zeit.de/2012/46/Andy-Warhol-Kunsthaendler-Rudolf-Zwirner/seite-2

5 © Getty Images. In: https://pagesix.com/2019/12/03/michelle-obama-initially-didnt-like-kehinde-wileys-barack-obama-portrait/

6 https://www.americahousekyiv.org/ah-blog/2018/2/1/spotlight-artist-kehinde-wiley

6a s. z B. Zilsel, Edgar: Die Entstehung des Geniebegriffs. Ein Beitrag zur Ideengeschichte der Antike und des Frühkapitalismus, Olms, Hildesheim und New York 1972 (Erstausgabe 1926); Hofmann, Werner: Die Grundlagen der modernen Kunst, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1987 (Erstausgabe 1966); Luhmann, Niklas: Die Kunst der Gesellschaft, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1995

6b 1. Brög, Hans: Zum Geniebegriff. Quellen, Marginalien, Probleme, Aloys Henn Verlag, Ratingen, Kastellaun, Düsseldorf 1973, S. 17

6c Vasari, Giorgio: Le Vite de’ più eccellenti architetti, pittori, et scultori italiani (...), L. Torrentino, Florenz 1550, 2 Bände (Erstausgabe)

6d Sasson, Donald: Da Vinci und das Geheimnis der Mona Lisa, Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 2006, S. 149

6e Carl Neumann (1897) in Ruppert, Wolfgang: Der moderne Künstler. Zur Sozial- und Kulturgeschichte der kreativen Individualität in der kulturellen Moderne im 19. und 20. Jahrhundert, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1998, S. 245

6d Zimmermann, Olaf: Erfolgsrezepte des Kunsthandels. In: Kritische Berichte, Nr. 21, 1993, S. 74-80


7 Dittmar, Peter: Grundkurs Kunstmarkt: Händescheidung, 20.02.2019. In: https://www.zeit.de/2019/09/kunstwerke-haendescheidung-kunstmarkt-maler-signatur

8 Kenter, Ute: Das Künstleratelier ist kein Elfenbeinturm mehr, 16.04.2014. In: https://www.srf.ch/kultur/kunst/das-kuenstleratelier-ist-kein-elfenbeinturm-mehr

8a Kris, Ernst; Kurz, Otto: Die Legende vom Künstler. Ein geschichtlicher Versuch, edition suhrkamp, Frankfurt am Main 1980 (Erstausgabe 1934), S. 27

8b In: Ball-Teshuva, Jacob: Marc Chagall, Taschen Verlag, Köln 1998


9 René Magritte © Christian Gibey, in: http://loutardeliberee.com/le-sofitel-de-montreal-celebre-les-artistes-de-lart-moderne/

10 Paquet, Marcel: René Magritte, Taschen Verlag, Köln 2006, S. 19

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