Tisch+Lampe=Kunst? Eine kleine Atelier-Geschichte

Aktualisiert: Juni 23


Zur Info: Dieser Beitrag ist noch nicht fertig. Bitte habt Geduld. Ich schreibe ihn die Tage zu Ende, bitte also erst lesen, wenn dieser blaue Text verschwunden ist. Aber ich MUSSTE den Beitrag öffentlch stellen, da die Entwurf-Funktion dieses Blog-Programms immer wieder aussetzt und alle meine Texte verschwinden lässt. Ärgerlich!


Was braucht man alles, um Kunst zu machen? Mehr ist mehr, scheinen viele angehende Künstler zu denken. Kaum haben sie den Entschluss gefasst, künstlerisch aktiv zu werden, stellen sie gleich eine Einkaufsliste zusammen. Leinwände, Staffelei, Farbe: An nichts soll es mangeln, wenn die Stunde X der Kunstpraxis geschlagen hat. Und auch der Arbeitsraum selbst soll jedem Außenstehenden gleich signalisieren: Achtung, hier wohnt ein Kreativer. Dazu werden eigene Werke an die Wände gehängt, Kunstmaterialien zu hübschen Stillleben arrangiert, und die jungfräulich saubere Staffelei mahnend vors Fenster gestellt. Somit sind auch die zufälligen Passanten gleich im Bilde. Neben dieses unausgesprochenen Diktats von "Mehr ist mehr" scheint es eine weitere Prämisse zu geben: "Qualität hat ihren Preis." Demnach muss man nicht nur sehr viel von allem haben, sondern auch noch in exklusivster Qualität. Die teuersten Maderpinsel müssen her, die handverlesensten Pigmente, das handgeschöpfteste Büttenpapier aller Zeiten - am Kunstmaterial wird nicht gespart. Und man hat ja zum Glück viele Freunde und Verwandte, die an etlichen Feiertagen im Jahr ihre hübsch verpackten Gaben dem Kunst-Gott opfern kommen: Schmincke-Aquarellkästen, Faber-Castell-Buntstifte, Lukas-Ölfarben und, als i-Tüpfelchen, das Hahnemühle-Torchon à 275 g/qm. Mindestens.

Die Angst vor dem weißen Blatt. Rembrandt: "Der Künstler in seinem Atelier," 1626


Nun müsste bei diesen magischen Worten der Puls jedes Hobby- und Profi-Künstlers in die Höhe schnellen. Zu schade, dass der weit verbreitete Material-Fetischismus in Wirklichkeit wenig zielführend, zuweilen sogar kontraproduktiv zu sein scheint.


"So paradox es klingt: Gerade exquisites Matrial macht es uns oft schwer, gute Bilder zu malen," meint Felix Scheinberger, Künstler und Illustrations-Professor an der FH Münster. "Wie hilfreich kann es sein, wenn Sie schon beim ersten Strich der Gedanke quält: Was, wenn es nichts wird? Was, wenn ich mein Blatt für 12,80 € verschwende?" (1) 

Damit kein wertvolles Material vergeudet wird, brütet und überlegt ein Künstler so lange, bis der letzte Funke Spontanität und Kreativität erloschen ist. Wo fange ich an? Was mache ich als nächstes? Wird das Bild gelingen, oder arbeite ich gerade wieder für die Tonne? Die Wertigkeit des Kunstmaterials verstärkt die ohnehin vorhandene Angst vor dem weißen Blatt.

Der Mann fürs Grobe: Constantin Brâncuși (1876-1957) in seinem Pariser Atelier bei der Arbeit, 1924

© ADAGP, Foto RMN-Grand Palais - G.Blot

Um dieser Blockade entgegenzuwirken und das Spielerisch-Experimentelle zuzulassen, empfiehlt Scheinberger die Verwendung von günstigen und leicht verfügbaren Materialien. Unter Umständen ist einem jungen Künstler mit einer Rolle Packpapier oder Tapete mehr geholfen, als mit einer teuren Leinwand von Tante Clara. Das gerollte Papier lässt sich schnell zu passenden Formaten zuschneiden, mit Reißzwecken an ein Holzbrett pinnen, in allen erdenklichen Techniken bearbeiten, und wenn es doch nichts wird, hält sich der Schaden in Grenzen. Das entkrampft und lässt kreative Energien frei. Bekanntlich ist Papier geduldig, und Packpapier erst recht.

Auch günstige Eigenmarken von Gerstaecker, Boesner & Co machen sich in jeder Hinsicht bezahlt. Zumal ein Kunst-Anfänger die Vorzüge von Exklusivprodukten bestenfalls aus der Produktbeschreibung kennt. Noch kann er ihre Besonderheiten weder erkennen noch situativ einsetzen. Woher soll er wissen, ob er beim Nass-In-Nass-Arbeiten lieber eine stärker oder schwächer deckende Aquarellfarbe benutzen soll und welche davon welche wäre? Höchst wahrscheinlich würde er aus einem hochpreisigen Produkt nicht mehr herauskitzeln können als aus einem No-Name-Aquarellkasten. Wobei damit keine Ramschware vom Grabbeltisch gemeint ist - so viel Qualität muss sein.

Verkaufsfläche der Boesner-Filiale Perl: Mehr ist mehr in XXL

Wenn zu den überteuerten Spezial-Produkten auch noch viele typverschiedene Materialien wie Aquarell, Acryl, Öl oder Tempera dazukommen, ist die Verunsicherung komplett. Aus "Mehr ist mehr" kann schnell "Hilfe, holt mich hier raus" werden. Welche Technik eignet sich für welche Idee? Oder welche Idee für welche Technik? Und in welcher Reihenfolge welche Materialien worauf und womit auftragen? Fragen über Fragen... Vielleicht ist am Ende des Tages weniger tatsächlich mehr. Schließlich ist nach wie vor nicht das Material, sondern die Bildidee entscheidend. Daher kann es sinnvoll sein, mit einer begrenzten Anzahl an Materialien im mittleren Preissegment anzufangen und zu schauen, wohin die Reise geht. Vieles kann man später dazukaufen, ausleihen oder sogar vorübergehend mieten (zum Beispiel eine Ton-Drehscheibe, eine Druckpresse, ein paar Stunden im Foto-Labor...) Kein Künstler, ob Profi oder Amateur, muss das gesamte Spektrum an Werkzeugen und Materialien auf Lager haben. Die Gefahr, sich dabei zu verzetteln, das Wesentliche aus den Augen zu verlieren und letztlich an den eigenen Erwatungen zu scheitern ist groß. Von finanziellen Risiken ganz zu schweigen.

Das Atelier von Paul Cézanne in Aix-en-Provence

Das, was im Kleinen für die Arbeitsmaterialien gilt, gilt im Großen für das Atelier. Das "Mehr ist Mehr" artet dort schnell zu einem "Was kostet die Welt" aus. Einrichtung, Miete, Nebenkosten - das alles macht ein Atelier zu einer teuren Angelegenheit. Und auch hier kann es einem Künstler schwer fallen, auf die Notbremse zu treten und sich auf das Nötigste zu beschränken. Zu verführerisch sind die vielen Optionen. Hand aufs Herz: Jeder von uns träumt von einem eigenen, lichtdurchfluteten und professionell ausgestatteten Arbeitsraum. Mit Schränken und Regalen, voll gefüllt mit Utensilien und Rohstoffen aller Art: Ton, Stifte, Pigmente, Pinsel, Papier... Ein gut beheizter Raum sollte es sei, mit dicht schließenden, aber bodentiefen Fenstern und fließendem Wasser... Mit hohen Decken, wenn es geht... Oberlichter wären schön... Gerne mit einem separaten Lagerraum... Oder noch besser, mit einem Lager- und Materialraum, Anlieferungsrampe inklusive, und dann noch ein paar kleine Extras hier und da, Kaffeeküche, Dusche, Tageslicht-Leuchten, Brennofen, Radierwerkstatt...


Friedrich Kunaths Atelier in Los Angeles

© Pogany Architectur / GQ Style, Fotos Michael Schmelling


Reines Wunschdenken? Keinesfalls. Tatsächlich gibt es zahlreiche prominente Beispiele von wahr gewordenen Atelier-Träumen, die jeden On-The-Way-Artist vor Neid erblassen lassen. Dream big! lautet etwa die Devise des deutschen Malers Friedrich Kunath (*1974). Der Absolvent der HBK Braunschweig (Klasse Walther Dahn) hat den Sprung von Ost-Berlin nach Ost-L. A. geschafft. Sein Atelier bietet alles, was das Künstler-Herz begehrt:


A high-ceilinged central work area, a small kitchenette, a “spray” room  for airbrush work, and a “white cube” where art can be installed to  beta-test how it holds up in a more formal, presentational setting. The  austerity of this side of the studio is only slightly betrayed by a  pristine vintage British-racing-green bubble-top Jaguar parked in the  middle of it. (2)

Ein mitten im Atelier parkender Jaguar kann als ultimativer Beweis von Coolness und Erfolg interpretiert werden. Oder als geschmacklose Angeberei. Oder als ironischer Augenzwinker. Oder als Filmzitat vielleicht? Als Ready Made? Als wahr gewordener Teenager-Traum? Die Wege eines It-Künstlers sind unergründlich... Eins steht jedenfalls fest: Wer in seinem Arbeitsraum parken kann (und dabei kein Automechaniker ist), hat definitiv ausgesorgt. Mehr Atelier geht nicht. Oder doch?


1. Atelier nach dem Werkstattprinzip


Jeff Koons: Seated Ballerina, 2017 (New York)

© Jeff Koons / Tom Powel Imaging / Tishman Speyer / Kiehls

Aber sicher doch, beweist ein Blick auf Jeff Koons, den amerikanischen Künstler-Star der Superlative. Seit den 1980ern beliefert Koons im großen Stil die ganz Welt mit seiner Version von American Dream. Einige seiner kitschig-süßen Skulpturen erinnern beim ersten Hinschauen an gigantische Porzellanfiguren, andere an Helium-Luftballons. Tatsächlich sind sie jedoch aus Edelstahl und somit für die Ewigkeit gefertigt. Ihre gigantischen Ausmaße erfordern nicht nur eine ausgeklügelte, arbeitsteilige Herstellungsweise, sondern auch eine Menge Platz und Arbeitskraft. Zwischenzeitlich beschäftigte Koons auf 900.000 qm Atelierfläche über 100 Assistenten, die in Akkord an seinen gigantischen Gemälden und Skulpturen arbeiteten. Inzwschen hat er sich wieder verkleinert: Seit 2015 residiert Koons in einem New Yorker Hochhaus, von dem er 'nur' zwei Stockwerke beansprucht. Dazu beschäftigt er 'nur' noch 30 Angestellte, es ist also beinah familiär. Wenn nur die Roboter nicht wären. Denn damit der Rubel weiter rollt und die fehlende Man Power kompensiert werden kann, hat Koons nachgerüstet: Komputergesteuerte Stein-Schneidemaschinen und zwei Roboter gehen ihm und seinen Assistenten Tag und Nacht zur Hand. Ist das noch ein Künstler-Atelier oder schon eine kleine Fabrik? Noch eine Frage, die offen bleiben muss. Zumindest setzt Koons damit neue Atelier-Maßstäbe. Diese wird man wohl nicht so schnell toppen können, oder?


Das Atelier von Jeff Koons, 2014

© Vanity Fair, Foto Annie Leibovitz; Chritie's © Jeff Koons; Twitter



Doch. Tatsächlich gibt es noch größere, noch effizienter organisierte Künstler-Ateliers. Dabei kann es kein Zufall sein, dass sich die meisten von ihnen in Amerika befinden. Während es in Old Europe immer noch als unschicklich gilt, über Geld zu sprechen, ist es in Amerika gar kein Problem. Fernab jeder Gefühlsduselei und Mysthifizierung des schöpferischen Prozesses vertraut der amerikanische Kunstbetrieb auf die selbstregulierende Macht der Marktwirtschaft. Mit anderen Worten: Die Nachfrage regelt das Angebot. Wenn die Nachfrage steigt, aber der Hersteller - in diesem Fall der Künstler - nicht nachliefern kann, hat er zu expandhieren oder zu weichen. Mehr Alternativen dazu gibt es scheinbar nicht.

Und ihren Umsatz zu steigern, greifen Küstler auf industrielle Fertigungsstrategien zurück: Arbeitsteilung, Automatisierung, Outsourcing... Andy Warhol, der King of Pop Art, hatte es schon in den 1960ern gewusst:


"Being  good in business is the most fascinating kind of art. Making money is  art and working is art and good business is the best art. (2)"

Andy Warhol und Team in The Factory, 1964

© Ugo Mulas / Milano-Galleria Lia Rumma



Es ist daher nur konsequent, dass Wahol seinem 1962 in New York gegründeten Atelier den Namen The Factory gibt. Als einer der ersten Künstler überträgt er marktwirtschaftliche Strategien auf die Kunst. In seinem Atelier setzt er auf Siebdruck und andere Techniken der Massenanfertigung. Zig Assistenten, Freunde und mehr oder weniger zufällige Factory-Besucher gehen ihm dabei zur Hand. Warhol produziert schnell, günstig und in großen Mengen. Ob Suppendosen oder Prominenten-Portraits: "Everything is beautyful", propagiert er und setzt seine Signatur unter alles, was ihn gefällt. So kann es passieren, dass ein Factory-Besucher mit einem eigenen Kunstwerk in die Factory kommt und mit einem echten Warhol nach Hause geht. Manch einer mag darin eine Bereicherung sehen, manch anderer eine Enteignung. Die psychisch labile Valierie Solanas verübt im Jahr 1968 ein Attentat auf Warhol: Im Eingang zur Factory schießt sie auf ihren ehemaligen Mentor, weil sie sich von ihm vereinnahmt und ausgenutzt fühlt. Warhol wird dabei schwer verletzt und entkommt nur knapp dem Tod.



Offen bleibt die Frage, wem die Autorenschaft über ein Kunstwerk gebührt: Demjenigen, der das Werk faktisch produziert, oder dem, der die konzeptuelle Verantwortung dafür trägt. Zwar wird von einem Künstler immer noch erwartet, dass er seine Werke selbst erschafft. Doch muss er diese Erwartungen nicht erfüllen. Er kann sogar bewusst dagegen verstoßen, wie Warhol es systematisch tut. Während er die Herstellung an seine Assistenten weiterdelegiert, fungiert sein Name als Qualitätssiegel, als eine Art Label. Augenzwinkernd verweist Warhol dabei auf andere Branchen. Technik, Mode, Lebensmittel: Wer stellt noch Konsumgüter manuell her? Und warum sollte es der Künstler anders handhaben? Schließlich müssen Herr Adidas und Frau Puma auch nicht selbst Hand anlegen...


Mehr Mona Lisa ist mehr. Oder weniger? Andy Warhol: Thirty are better than one, 1963

Im Übrigen wird am Beispiel Warhol deutlich, wie stark sich unser Kunstbegriff gewandelt hat. In den 1960ern wurde seine Massenanfertigung als gesellschaftskritische Satire gedeutet. Heute dagegen werden seine Methoden von Künstlern wie Koons als vollkommen legitim angesehen. Denn es scheint inzwischen selbstverständlich zu sein, dass ein Künstleratelier genauso wirtschaftlich arbeiten muss wie jeder andere Betrieb auch. "Mehr ist mehr", lautet dabei ein mal mehr die Devise. Warhol verleiht ihr bereits 1963 ein Gesicht - ogenau genommen viele Gesichter. Mal sind es Serienportraits von Marilyn Monroe, mal die von Liz Taylor oder Elvis Presley. Das Motiv ist austauschbar, allein auf seine Wiedererkennbarkeit kommt es an.

Warhols ikonischer Siebdruck mit dem programmatischen Namen "Thirty are better than one" setzt sich aus dreißig nebeneinander gedruckten Mona Lisa-Portraits zusammen. Damit erzeugt Warhol eine maximale Distanz zu seinem eigenen Kunstwerk: Das Motiv stammt von Leonardo da Vinci, der Siebdruck von seinen Assistenten, nur die Bildidee kommt von ihm. Weniger Künstler ist mehr, scheint Warhol damit zu postulieren. Noch weniger Künstler geht aber kaum. Oder doch?


Kehinde Wiley und Barak Obama, 2018

© Getty Images

Einen besonders eindrucksvollen Beispiel von Prozessoptimierung liefert der neue Shootingstar der US-Kunstszene Kehinde Wiley. Der afroamerikanische Maler wird in den 2010ern mit seinen Portraits von afroamerikanischen Ghetto-Checkern in Trainingsanzügen vor ornamentalen Hintergründen berühmt. 2017 darf er dann als Höhepunkt seiner bisherigen Karriere das offizielle Obama-Portrait für die National Portrait Gallery malen. Mehr öffentliche Anerkennung im patriotischen, präsidentenfixierten Amerika ist kaum vorstellbar. Vor laufenden Kameras schütteln sich die beiden großen Afroamerikaner 2018 die Hände, gemeinsam stehen sie für Freigeist, Demokratie und Diversität der USA ein.

Zu diesem Zeitpunkt ist die Nachfrage nach Wileys Kunst bereits so groß, dass er mit der Produktion kaum noch nachkommt. Doch weniger liefern ist keine Option. Also praktiziert Wiley anfangs dieselben Methoden wie Koons: Ein Assistenten-Team malt nach seinen Fotovorlagen und Entwürfen Wileys großformatigen Bilder. Denn im Gegensatz zu dem, was Wileys offizielles Atelier-Fotos suggerieren, malt er seine Bilder nur noch selten selbst.

Doch selbst diese Fertigungsmethode erweist sich auf lange Sicht und bei der steigenden Nachfrage als unzureichend ineffizient. Dazu ist sie recht kostspielig. Schließlich muss Wiley teure, US-amerikanische Assistenten-Gehälter bezahlen. Also verlegt er 2006 sein Atelier nach Beijing, China (4). Dort beschäftigt er seitdem eine Schar chinesischer Mitarbeiter, die seine Werke für kleines Geld und strikt nach Wileys Vorgaben auspinseln. Auch das Obama-Portrait soll nach diesem Malen-Nach-Zahlen-Prinzip entstanden sein. Aber pst, es ist ein gut gehütetes Geheimnis! Ein US-Präsident Made in China könnte im patriotischen Amerika für Irritationen sorgen...


Kehinde Wiley in seinem Atelier in New York, 2012

Still aus dem Dokumenarfilm “Kehinde Wiley: An Economy of Grace” (2013)


Assistenten, Roboter, Outsourcing, Dumpinglöhne: Dass in einem Künstleratelier die Gesetze des kapitalistischen Dschungels gelten, mag den einen oder anderen Kunstliebhaber vor den Kopf stößen. Schließlich soll ein Künstler nicht in Stückzahlen denken, sondern sich frei entfalten, kreativ sein, aus den Vollen schöpfen. Seine Handschift - uverwechselbar, sein Atelier - überbordend, sein Talent - unbezahlbar. Kann ein Genie von einem chinesischen Assistenten-Team ersetzt werden? Oder, noch schlimmer, von einem Roboter? Da wünscht man sich doch als Kunstliebhaber die gute alte Zeit zurück! Antike, Mittelalter, Renaissance: Damals war die Kunst-Welt noch in Ordnung. Damals haben Künstler ihre Werke noch selbst ausgeführt, ihr Handwerk noch selbst beherrscht, damals haben sie allein in ihren Ateliers gearbeitet. Der Kuss der Muse war ihnen Hilfe genug... Oder nicht?


Werkstattarbeit in einem Künstler-Atelier, um 1600

Die Antwort darauf lautet: nein. Tatsache ist, dass beinah jeder erfolgreicher Künstler früher oder später auf Assistenten-Hilfe zurückgreifen muss(te), um der steigenden Nachfrage nachzukommen. Während Maler für gewöhnlich eine überschauliche Assistenten-Anzahl beschäftigen, bedürfen Bildhauer naturgemäß mehr Man Power. Seit der Antike berichten Geschichtschreiber von Künstlerwerkstätten, in denen Assistenten und Lehrlinge dem Werkstattmeister zur Hand gehen. Das Atelier ähnelt dabei einer kleinen Manufaktur, welche auftragsbasiert, profitorientiert und arbeitsteilig produziert. Von individueller Selbstverwirklichung und sinnlichem Experimentieren keine Spur.


Donald Judd bei der Abnahme seiner Plastik in der Bernstein Brothers-Werkstatt in New York, 1968

© Elizabeth Baker


Damit nicht genug: Weil einige Aufträge spezielles Equipment und Sonderkompetenzen erfordern, werden einzelne Arbeitsprozesse an Fachwerkstätten deligiert und somit "outgesourced". Es sind Gießereien, Druckereien, später Fotolabors oder Filmstudios: Seit eh und je arbeiten Künstler in Kooperation mit gut ausgebildeten Handwerkern zusammen. Der Künstler selbst agiert dabei als eine Art Regisseur: Er liefert die Kernidee, koordiniert alle Prozesse, übernimmt die Qualitätskontrolle, die Endabnahme und setzt schließlich seine Signatur auf das fertige Werk. Dabei beteiligt er sich häufig nur wenig an der physischen Entstehung seiner Werke. Wie frühere Künstlerateliers organisiert waren, beschreibt eindrücklich Peter Dittmar:


Aus der Dürer-Werkstatt sind die "drei Hansen" als Helfer bekannt, die es danach zu eigenständigem Ruhm brachten (...). Über die Rubens-Werkstatt berichtete 1621 ein deutscher Student: "In  diesem Saale saßen viele junge Maler, die alle an verschiedenen Stücken  malten, welche mit Kreide von Hrn. Rubbens vorgezeichnet worden waren  und auf denen er hier und da einen Farbfleck angebracht hatte." Und wenn es bei einem Gemälde "Rembrandt und Werkstatt" heißt, gelingt es Kunsthistorikern durchaus, die "Hände zu scheiden" und festzustellen,  was da von Rembrandts, was von fremder Hand ist. Nur bei Lucas Cranach,  der seine Gesellen offenbar rigoros auf seine Malweise und seinen Stil  festgelegt hatte, sind alle Versuche gescheitert, Meister und Gesellen  auseinanderzuhalten (7). 

Auguste Rodin beaufsichtigt die Arbeiten an seinem Victor Hugo-Denkmal, 1896

Die sogenannte Händescheidung - der Frage nach der faktischen Autorenschaft über ein Kunstwerk - bildet im Bereich der Kunstgeschichte einen eigenen Forschungskapitel. Welcher Künstler hat zu welchen Zeit in wessen Werkstatt gearbeitet und wer genau hat konzeptuell ein Kunstwerk zu verantworten? Diese Frage ist nicht nur ideeler Natur: Sie spiegelt sich auch im monetären Wert eines Kunstwerkes wider. Bei Andy Warhol beispielsweise macht es im Nachhinein einen gewaltigen Preisunterschied, ob ein Siebdruck aus seiner Factory oder von einem Externen stammt. Warhols Händler Rudolf Zwirner hat mit diesem Problem alle Hände voll zu tun, da Warhol nicht nur seine Werke, sondern auch Raubkopien bereitwillig unterschrieb (5):


Er hat alle Arbeiten akzeptiert. Ich  habe mich oft beklagt, aber er fand das nur amüsant. Er war sogar begeistert, denn wer kopiert wird, der ist berühmt. Nur für den Nachlass war das ziemlich kompliziert. Die Auflagen seiner Werke sind oft nicht bekannt, und Warhol hat alles signiert, was ihm  unter den Stift kam. Man muss auf die Provenienz (Herkunft, also den Erstbesitzer; Anm. KT) der Arbeiten achten. (Zwirner im Zeit-Interview von 2012)

Musée de Montmartre, das (rekonstruierte) Atelier von Suzanne Valadon. Autorin beim Probesitzen, 2017

Das, was wie eine heitere Geschichts-Stunde begonnen hat, ist in einer mühsamen Arbeitsrechts-Stunde ausgeartet. Wie unerfreulich. Und doch sind Ateliers und Arbeit nicht voneinander zu trennen: Schließlich dienen sie als Arbeitsstätten der Kunst, und bei all ihrer romantischen Verklärung unterliegen sie den Gesetzen der Arbeitswelt. Es sei denn, ein Künstler entzieht sich dem Kunstmarkt und betreibt seine Kunst als Hobby. Dann wird sein Treiben unter Liebhaberei verbucht, und der Künstler ist fein raus. Doch sobald hinter seiner Tätigkeit eine "Gewinnerzielungsabsicht" steckt (ein weiteres Unwort des Steuerrechtes), wird es kompliziert. Dann gilt ein Künstler als Profi, egal ob seine "Gewinnabsichten" von Erfolg gekrönt werden oder nicht. Und dann hat er Steuer zu zahlen, Ausgaben gegen Einnahmen zu rechnen und viele andere lästige Aufgaben, die ihn vom küsntlerischen Arbeiten abhalten.

So viel zur rechtlichen Lage. Bleibt nur noch die Frage: Wie sieht denn nun ein Künstleratelier eigentlch aus? Gibt es das überhaupt in seiner herkömmlichen Form? Ohne das ganze Tramrams, des räumlichen Größenwahns, des finanziellen All-Ins und des BWL-Studiums in der Hinterhand? Oder hat dieses Modell heute ausgedient? Oder, schlimmer noch, hat es das vielleicht noch nie gegeben? Ist es womöglich ein Mythos, eine Erfindung der Film-Industrie? Hocken nur Hobby-Künstler in ihren nostalgischen Mansarden mit schimmeligen Ecken, verkrusteten Pinseln und zusammengequetschten Farbtuben? Anders gefragt: Muss sich jeder Künstler ab einem gewissen Grad der Professionalisierung auf Roboter und Outsourcing umstellen?

Die gute Nachricht lautet: nein. Das nostalgische Atelier lebt! Und davon gibt es unzählige Modelle, die ganz auf die individuellen Bedürfnisse, die Persönlichkeit und das Portemonnai des Künstlers zugeschnitten sind. Im Netz finden sich mal mehr, mal weniger gelungene Bildersammlungen berühmter Künstlerateliers: 125 Artists and Their Historic Studios, heißen solche Sammlungen für gewöhnlich. Oder (mehr ist mehr) 312 Famous Artists And Their Studios. Oder sogar noch großspuriger: The Most Beautiful Artist’s Studios on the Planet! Inwiefern es sich dabei um wirklich "berühmte" Künstler handelt und nach welchen Kriterien ihre Atelier zu den "schönsten des Planeten" gekührt werden, wird wohl das Geheimnis des jeweiligen Seitenbetreibers bleiben.


Die beste Atelier-Seite aller Zeiten: Atelier(b)log von Harke Kazemier

Mein persönlicher Favorit unter den digitalen Bildarchiven zu diesem Thema ist die phänomenale Seite atelierlog von Harke Kazemier. Kazemier arbeitet als Künstler und Dozent an der Kunstacademie Haarlem in Leiden (Niederlanden). Somit ist er selbst vom Fach. Seit 2005 postet er auf seinem Blog Atelierbilder. Alle Künstler, die Rang und Name haben, sowie viele spannende Newcommer, Exoten, Grenzgänger und Außenseiter finden sich in seiner schier unendlichen Bildersammlung wieder. Dazu scheint Kazemier ein ausgesprochen netter Mensch zu sein: Meine kürzliche Anfrage per Mail hat er schnell, ausführlich und äußerst kompetent beantwortet - unbekannterweise und uneigennützig, wohl bemerkt. Chapeau, Herr Kazemier!



Neben digitalen Bildarchiven wie diesem befassen sich natürlich auch wissenschaftliche Studien mit dem Thema Künstleratelier, etwa "Das Atelier als Spiegelbild des Künstlers" (2009) von Birgit Jooss. Schwere, prunkvolle Fotobänder gewehren vermeintlich intime Einblicke in die tatsächlich durch und durch inszenierten Künstlerräume, wie etwa David Seidners "Im Atelier der Künstler" (2000). Auch Ausstellungen beleuchten gern das Thema: 2012 fand in der Staatsgalerie Stuttgart die Ausstellung "Mythos Atelier" statt; das Kunstmuseum Luzern zeigte 2012 die Ausstellung "Das Atelier: Orte der Produktion"; 2013-14 war im Museum für Gegenwartskunst Siegen "At Work: Atelier und Produktion als Thema der Kunst heute" zu sehen. Die letztgenannte Ausstellung war dem sogenannten 'Atelierbildnis' gewidmet: einer eigenen Bildkathegorie innerhalb des Genres 'Interieur'. Somit kann das Thema Atelier nicht nur als erforschungs-, sondern auch als kunstwürdig gelten.


La Ruche: das legendäre Künstlerhaus in Paris, 1918

Hier hatten Künstler wie Chagall, Soutine,

Delaunay, Modigliani, Léger, Brâncuși

0der Nurenberg ihr Atelier. Der letztere war

mein Urgroßvater.

Ob nun Kunsthistoriker, Fotodokumentalisten, Ausstellungsmacher oder Künstler: Sie alle eint ihre Faszination vom Künstleratelier, welche reichlich dokumentiert ist. Und so maßt sich dieser Beitrag auch nicht an, die Atelier-Geschichte neu zu schreiben. Vielmehr soll er einen ersten Überblick über die gängigen Atelier-Modelle verschaffen, um dem angehenden Künstler bei seiner Orientierung auf dem Gebiet zu helfen. Dass ein Atelier weit mehr ist als ein Ort künstlerischer Produktion, müsste inzwischen klar sein. Doch was passiert dort tatsächlich? Und was sagt ein Atelier über seinen Besitzer aus? Dies soll im Folgenden genauer betrachtet werden. Und den Anfang macht das Wohnatelier: Die Urzelle der Kunst, der Arbeitsraum in den eigenen vier Wänden, der Ort, wo alles begann.



2. Home Office: Das heimische Atelier


Jeder noch so große Künstler hat mal klein angefangen. Die ersten Gehversuche in Sache Kunst finden in der Regel im Kinderzimmer statt. Nach der Schulzeit ziehen die meisten angehenden Künstler von zuhause weg, um an einer Kunstakademie zu studieren. Und Akademien stehen in Großstädten, wo Wohnraum teuer und knapp bemessen ist. Dort ist kein Platz für Farbexperimente und Großformate. Also arbeiten viele Stundenten in den Räumen der Akademie, wobei auch hier Platz knapp bemessen ist und nicht jeder Student eine Arbeitsecke in seiner Klasse bekommt. Wenn er Glück hat,

Umso begehrter sind die wenigen Arbeitsplätze in der Akademie, die den Studenten zur Verfügung gestellt werden

Also nutzen die Akademiestudenten die Räume der Akademie, um zu arbeiten und den Ernstfall eines (Gemeinschafts-)Ateliers zu proben. Später schließen sich die Akademieabsolventen - oder auch Autodidakten - zu Arbeitsgemeinschaften zusammen oder mieten ein eigenes Atelier an. Andere widerum kehren zu ihren Ursprüngen zurück und arbeiten weiter beziehungsweise wieder zuhause.


René Magritte, 1964 © Christian Gibey

Zahlreiche Künstler arbeiten zuhause. Im Internet gibt es viele inspirierende Ideen, wie man sein Home-Atelier einrichtet und was es dabei zu beachten gibt, etwa unter "How to make an art studio at home (even when you have no space)" oder gleich beim Online-Einrichtungsexperten für alle Lebenslagen, houzz.com. Aus den vielen Bildern lernt man vor allem eins: Platz ist in der kleinsten Hütte. Aber auch: Größer geht immer. Fest steht: Ein Wohnatelier spart Geld, lange Wege und lässt Arbeit und Familie besser vereinbaren. Doch gerade darin liegt auch das potenzielle Problem. Je nachdem, wie rücksichtsvoll der Partner, klein die Kinder, mitteilungsbedürftig die Eltern sind, die im gleichen Haushalt leben, kann aus einem Home Office schnell ein Bereitschaftsdienst 24/7 werden. Man ist ja da, also kann man mal eben... Und Zack, ist der Arbeitsprozess unterbrochen.

Im Übrigen betrifft das Problem nicht nur bildende Künstler. Alle Berufstätige müssen sich im Home Office gut abgrenzen können. Und selbst wenn alle Angehörige Rücksicht nehmen (sehr unwahrscheinlich) und keiner durchs Sichtfeld läuft (fast unmöglich), ist ein räumlich getrenntes Atelier oftmals vom Vorteil. Schon auf dem Weg dorthin mobilisiert man sich und versetzt sich in einen Arbeitsmodus. Vor Ort hat man im Idealfall weniger Ablenkung (Wäsche, Küche, Bad...), kann sich besser disziplinieren, länger am Stück durcharbeiten, die Konzentration steigt, das Prokrastinieren sinkt, Erfolg auf ganzer Linie!

Am Rande sei angemerkt, dass ein Home Office kein Behelf sein muss. Eine Reihe erfolgreicher Home Office-Künstler wissen die Annehmlichkeiten eines häuslichen Ateliers sehr wohl zu schätzen. Ein Paradebeispiel dafür liefert das Heimatelier des belgischen Malers René Magritte. Zeit seines Lebens arbeitete Magritte zuhause, die Küche und seine geliebte Frau Georgette stets im Blick. Laut Zeitzeugen begab sich Magritte jeden Morgen pünktlich um 8 und im Anzug (!) an seinen Arbeitsplatz. Von so viel Eifer und Dresscode kann Magrittes Atelier in 135, Rue Esseghem,

manch Arbeitgeber nur träumen. In Brüssel © Katharina Cichosch / Schirn

einer kleinen Ecke im Wohnzimmer

stand Magrittes Staffelei. Dort arbeitete er allein, ohne Assistenten, geschweige denn Roboter. Nich einmal einen Malkittel hat er besessen. Auch der Teppich unter seiner Staffelei blieb sauber. Seinen staunenden Besuchern erklärte Magritte augenzwinkernd, dass Farbe auf die Leinwand und nicht auf den Boden gehörte. (10) Sieh einer an. Offenbar glaubte auch Magritte, dass weniger mehr ist. Und damit stand er keineswegs allein.



3. Weniger ist mehr: Das Atelier als Heremiten-Klausel


Eins der spartanischsten Ateliers der Kunstgeschichte wurde 1811 von Georg Friedrich Kersting gemalt. Bedeutsam ist es vor allem wegen seines prominenten Besitzers Caspar David Friedrichs, den sein Freund und Malerkollege Kersting an der Staffelei darstellt. Wer nun ein wildes Durcheinander an Farben, Leinwänden und Ähnlichem erwartet, liegt völlig daneben. Statt dessen wirkt Friedrichs Atelier befremdlich leer. Stuhl, Fenster, Staffelei - mehr scheint der große Landschaftsmaler der Romantik nicht zu benötigen. Selbst das Tageslicht, das durchs Fenster einfällt, ist ihm schon zu viel: Die Fensterläden links hat er zugezogen, das rechte Fenster ganz mit Brettern verschalt.


Weniger ist manchmal wirklich sehr wenig: G. F. Kersting: Caspar David Friedrich in seinem Atelier, 1811

Warum bloß, warum?! fragt sich der irritierte Betrachter. Sind große Fenster nicht das eigentliche Qualitätskriterium eines Künstlerateliers? Und warum verschanzt sich ausgerechnet ein Maler wie Friedrich in einem dunklen Zimmer, anstatt nach draußen zu gehen und in der Natur zu malen? Von einem Landschafts-maler erwartet man doch für gewöhnlich etwas mehr Natur-Affinität.

Gut möglich - aber historisch betrachtet verkehrt. Zum einen war es zu Friedrichs Zeiten nicht üblich, Freiluftmalerei zu betreiben: Erst nach 1841, mit der Erfindung der Tubenfarbe und der Feldstaffelei, konnte das Künstler-Equipment nach draußen transportiert werden. Zuvor wurden draußen nur schelle Studien angefertigt, im Fall von C. D. Friedrich waren sie meist in Bleistift oder Aquarell. Landschaften in Öl dagegen wurden zu seiner Zeit grundsätzlich in geschlossenen Räumen gemalt.


Zwischendurch wird gelüftet. C. D. Freidrich: Das Atelierfenster, 1805-06

Zum anderen spiegelt Friedrichs Atelier seine Grundeinstellung wider: "Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht," so Friedrich in einem Brief (12). Selbst seine einmalige Fensteraussicht auf die Elbe (unten) lässt ihn offenbar kalt. Vielmehr fühlt er sich von den vorbeiziehenden Schiffmasten in seiner Konzentration gestört. Also weg damit! Schließlich ist ein Aelier keine Wellness-Oase, sondern ein Forschungslabor - und ein Forscher hat besseres zu tun, als aus dem Fenster zu starren.

Kerstings Atelierdarstellung zeigt die Voraussetzungen, unter denen Friedrich seine Werke schuf: Einsamkeit, Meditation, Konzentration. Es vermittelt eine  Vorstellung davon, wie überlegt und mit welchem Ernst der Künstler seine Arbeit anging, und es lässt den hohen Anspruch spüren, den er dabei an sich selbst und an das Entstandene  stellte. Ohne uns das Bild selbst zu zeigen, vermittelt uns Kersting  einen Eindruck von Friedrichs religiöser Landschaftsmalerei, bei der die Staffelei zum Altar erhöht wird. (11). 

Nichts soll den Maler von seiner Introspektion ablenken, selbst das wunderschöne Elbe-Panorama nicht. Auch die Ateliertür links auf Kerstings Atelierbildnis bleibt demonstrativ verschlossen. Der Schlüssel steckt und macht dadurch das Schild "Bitte nicht stören" überflüssig. Der Raum enthält nur das, was Friedrich tatsächlich zum Arbeiten braucht. Hier ist kein Platz für nostalgische Erinnerungsstücke und theatralische Selbstinszenierung. Auch seine alten Bilder hängt Friedrich nicht auf, sondern lässt sie umgehend verschwinden. Eine herbe Enttäuschung für den eingangs beschriebenen Hobby-Maler, der von einem überladenen Mehr-ist-mehr-Atelier träumt. Muss also ein professionelles Künstleratelier zwangsläufig einer Mönchklausel gleichen? Nein, zum Glück nicht.



4. Mehr ist mehr: Das kreative Chaos



Legendär ist hierbei das Londoner Atelier von Francis Bacon. Das unfassbare Chaos, das er dort bei seinem Ableben hinterläßt, erscheint seinen Fans so einzigartig, dass man beschließt, es zu konservieren. Also wird jedes Papierfitzelchen, jedes zerknüllte Taschentuch in seinem Atelier inventarisiert, sorgfältig verpackt und in Bacons Heimatstadt Dublin überführt: samt Wänden, Decke, Fußboden und Tür. Seit 2001 kann man Bacons Atelier in der Hugh Lane Gallery in Dublin bestaunen - museal ausgeleuchtet, durch eine Glasscheibe gechützt und von Security-Männern bewacht.

Ob Bacon geahnt hat, dass man sein Atelier in eine Pilgerstätte verwandeln würde? Wohl kaum. 1961 hat er das kleine Kutscherhaus in der Reece Mews Nr. 7, London, bezogen, in welchem er bis zu seinem Lebensende 1992 wohnen blieb. Seine Zwei-Zimmer-Wohnung lag im Obergeschoss, sein Atelier richtete er im ehemaligen Pferdestall des Hauses ein - und verwandelte es sogleich in einen regelrechten Schweinestall:


Der Boden, der Tisch, die Regale sind von einem Wust von Gegenständen bedeckt. Auch die Wände sind nicht leer: Sie sind mit allem Möglichen behangen. Bacon hat keine Palette benutzt; er drückte die Farbe auf das, was ihm gerade in die Hände fiel. Wenn er eine Farbe ausprobieren wollte, zog er seinen Pinsel über die Wand. Auch die Dielen kommen nur hier und da zum Vorschein. Auf dem Tisch liegen unzählige Bücher; die hinteren herauszuziehen ist nicht möglich. Sie sind verschanzt hinter Putzlappen, Schachteln, Gläsern, Kartons, zerknüllten Zeitungen, weggeworfenen Tüten, zerrissenen Fotos. Der Boden ist kniehoch von unzähligen Gegenständen bedeckt, durch die wie durch eine Wiese ein ausgetretener Pfad zu dem Stuhl führt, auf dem Bacon ab und zu saß. (13) 

Bacons Atelier in Dublin: eine Rekonstruktion

Bacons Atelier war klein, kalt und dunkel. Nur durch ein Dachfenster kam etwas Licht hinein. Im Winter musste ein fahrbarer Ölradiator herhalten. Zum Arbeiten an seinen Großformaten wich Bacon auf ein Atelier des Royal College of Art aus, in seinem eigentlichen Atelier hatte er dafpr keinen Platz. Und doch gefiel es ihm offenbar so sehr, dass er ihm Zeit seines Lebens Treue hielt - auch als er in den späteren Jahren längst genug verdiente, um sich ein größeres und vor allem komfortableres Atelier leisten zu können. Dieses Sammelsurium an Erinnerungsstücken und Arbeitsmaterialien bildete sein physisches, aber auch sein spirituelles Zuhause und spiegelte seine geistige Verfassung wider. "Es ist Sache der Bilder, Ordnung zu schaffen," sagt Bacon (14). Und: "I feel at home here in this chaos because the chaos suggests images to me" (15). Beim Anblick dieser innenarchitektonischen Zumutung erscheint es unvorstellbar, dass Bacon Ende der 1920er Jahre seinen Lebens­un­ter­halt als Innen­anrchitekt in Paris verdiente.


Atelier von Alexander Calder in Roxbury, Conneticut, 1964

© Pedro Guerrero


Das Atelier von Francis Bacon hat in den letzten Jahren eine enorme mediale Präsenz erfahren. Allzu eindrucksvoll erscheint das dort herrschende kreative Chaos - und allzu gut fügt es sich in das klischeehafte Künstlerbild, bei welchem Genie und Wahnsinn gerne mal beieinander wohnen. Tatsächlich gleichen viele Künstlerateliers der Baconschen Malerhöhle. Bildhauer-Ateliers erscheinen oft sogar noch zugemüllter als Malerateliers. Immerhin sind ihre Werke und Materialien noch platzintensiver. Ob bei Henry Moore, Alexander Calder oder Jean Tinguely - vielerorts bietet sich das selbe Bild. Zwischen fertigen Werken und Entwürfen, Kunstmaterial und Müll, inspirierenden Fundstücken und Treibgut des Alltags fällt die Unterscheidung oftmals schwer - zumindest für den Außenstehenden. Muss ein Künstler also zwangsläufig ein Messi sein? Und geht ein erfülltes Künstlerleben nur mit einem überfüllten Atelier einher?



5. Mehr ist mehr - aber mit System


Dass viele Künstler Jäger und Sammler sind und alles in ihre Atelier-Höhle schleppen, was sie für ihre Arbeit brauchen, brauchen könnten, eventuell, eines Tages, vielleicht... - nun, das liegt vermutlich in der Natur der Sache. Denn Kunst wird aus Materialien gemacht, Materialien sind manchmal rar, oftmals teuer, da sorgt man gerne mal vor; Fotos, Bücher und andere Inspirationsquellen kommen erschwerend hinzu; manche Zufallsfunde werden für später aufbewahrt, von manchen Erinnerungsstücken kann man sich schwer trennen, für fertige Werke stehen nicht immer Käufer oder Lagerräme parat, auch sie müssen irgendwo untergestellt werden... Das summiert sich. Und wer schon mal eine Tischlerei von innen gesehen hat, weiß, dass nicht nur Künstlerateliers in Materialbergen versinken.

Doch auch hier ist es eine Typ-Frage, wie man mit der berufsbedingten Materialflut umgeht. Während Künstler wie Bacon alles einfach übereinander stapeln (mit viel gutem Willen könnte man dieses System chronologisch nennen), sortieren andere Künstler ihre Materialien säuberlich nach Größe, Farbe, alphabetisch, in beschrifteten Kartons - der Phantasie eines Ordnungsphanatikers sind keine Grenzen gesetzt.


Ordnung ist das halbe Leben: Der Fotograf Gautier Deblonde gewährt Einblicke in bestens sortierte Ateliers

Gerhard Richter

Sophie Calle

Pierre Soulage

Tatsächlich ist Chaos für den kreativen Prozess nicht zwangsläufig förderlich. Wenn man sein Werkzeug nicht mehr findet und keine freie Wand mehr zum Malen hat, erschwert es vielmehr das Arbeiten. Und so dübelt Tom Sachs sein Werkzeug an die Wand, Roy Lichtenstein stapelt seine Farbgläser vertikal, Karl Lagerfeld seine Bücher horizontal, Sophie Calle schiebt ihre Plastikschubladen auf Schienen hin und her und Cindy Sherman hat für ihre Perücken eine ganze Sammlung an Mannequin-Köpfen... Jeder Künstler entwickelt im Laufe der Zeit sein eigenes Ablagesystem. Ordnung erleichtert die Suche und vereinfacht die Arbeitsprozesse - wie bei jeder anderen Berufsbranche auch.

Darüber hinaus erfordert nicht jede Kunstform Berge an Material. Viele Künsler arbeiten heutzutage primär am Rechner, ziehen mit ihrer Kamera los oder schreiben ihre Texte in Cafés oder in der U-Bahn:


Das Atelier ist heute mehr als ein Raum, in dem Kunst produziert wird.  Oft findet es im Handy oder auf dem Laptop statt. Oder draussen, auf  Reisen, an fremden Orten. Das Nachdenken, Ausprobieren, Machen geschieht  unterwegs. Ein anderes Klima führt zu neuen Ideen (15)

Das Atelier fungiert hierbei nicht als Ort der Produktion, sondern als Ort der Reflexion, als eine Art Planungszentrale. Und einer solchen Atelier-Auffassung liegt ein konzeptueller Kunstbegriff zugrunde. Dabei entsteht das Kunstwerk nicht "aus der Bauch heraus", sondern wird Schachzug für Schachzug geplant. Entsprechend gut organisiert muss auch das Atelier sein. Digitale Dateien werden hier in transparent beschrifteten Orndern aufbewahrt, empfindliche Negative in lichtundurchlässigen Hüllen gelagert; Email-Verkehr mit Ausstellungsmachern, Kritikern, Assistenten und Spazialwerkstätten und -laboren will säuberlich dokumentiert werden. Ob Fotograf, Video-, Land-Art oder Konzeptkünstler: Ein Blick in eine Kunst-Planungszentrale verrät: Ordnung ist das halbe Leben. Beziehungsweise die halbe Kunst.


Dreambox: Der Schrank, der die Welt bedeutet

Wem es jetzt unter den Fingern kribbelt, kann sofort mit der Reorganiastion seines Ateliers beginnen. Im Netz finden sich fantastische Ideen und Anleitungen. Man braucht nur unter Google oder pinterest.com Begriffe wie "Aufbewahrung Malzubehör", "storage artist studio" oder Ähnliches einzugeben, und schon wird man überschüttet von inspirierenden Ideen, wie etwa unter diesem Link. Oder hier.

Eindrucksvoll, weil besonders platzsparend und praktisch, ist auch die oben abgebildete "Dreambox": ein Schrank, der im geschlossenen Zustand auch im Wohnszimmer geine gute Figur macht, der sich dann aber in Handumdrehen in ein Künstler-Studio verwandelt. Wer schon als Kind gern mit seinem Kaufmannsladen gespielt oder Lego nach Größe und Farbe sortiert hat, ist mit dieser Box gut beraten. Zugegebenermaßen ist sie recht teuer; dazu müsste sie aus den USA nach Deutschland verschifft werden. Aber vielleicht findet sich innerhalb der eigenen Familie ein passionierter Hobby-Tischler, der für seinen Lieblingskünstler eine Made in Germany-Box ganz individuell maßschneidert. Doch Vorsicht: Wenn das Einräumen, Beschriften, Etikettieren und Laminieren mehr Spaß bereitet als die eigentliche kreative Arbeit im Atelier, sollten die Prioritäten eventuell überdacht werden.


Oder das Atelier wird zu einem überholten Atavismus erklärt und ganz abgeschafft:


Der heutige Künstler oder die Künstlerin brauchen für ihr Schaffen nicht  zwingend eine abgeschlossene Zelle, zu der nur Privilegierte einen  Zugang erhalten. Kunst kann überall entstehen. Die Erweiterung des  Kunstbegriffs ab den 1970er Jahren geht einher mit der Ausweitung der  Orte, wo Künstlerinnen und Künstler ihre Werke erschaffen (16).





Jeder Künstler fängt man klein an. Viele arbeiten aus der Not heraus zuhause, einige schließen sich zu Künstlergemeinschaften zusammen: So kann man die Miete und vielleicht auch das Equipment teilen.


Junge Künstler schliessen sich darum oft zu Ateliergemeinschaften zusammen. Kostenteilung, Austausch, Inspiration, Netzwerken – alles Vorteile, die im Risikoberuf Kunst wichtig sind. Seitdem zunehmend Hochschulen [und keine Meisterwerkstätten] Künstler ausbilden, überschwemmen ambitionierte Künstler den Markt. Es ist also sinnvoll, Allianzen zu bilden, Projekte gemeinsam anzugehen. Nicht im einsamen Rückzug, sondern im Netzwerk liegt die Chance, sich zu etablieren,

schreibt etwa Ute Kenter. Nach dem Kunststudium schließen sich viele Künstler zu Ateliergemeinschaften Andererseits möchte nicht jeder Künstler expandieren.

Das Atelier ist tot, es lebe das Atelier!


2 Warhol, Andy. In: Das, Rahul: The Art of Business, 08.10.2016. S. https://artplusmarketing.com/being-good-in-business-is-the-most-fascinating-kind-of-art-f637a1700bdc

3 Andy Warhol, Gerard Malanga und Philip Fagan in The Factory, New York, 1964 © Ugo Mulas Heirs / Archivio Ugo Mulas, Milano-Galleria Lia Rumma, Milano/Napoli

4 https://hamiltonselway.com/andy-warhols-silk-screening-process/

5 Warhols Händler Zwirner zu Warhol-Fälschungen, die schon zu Warhols Zeiten im Ulauf waren: "Es hat ihn nicht gestört, er hat alle Arbeiten akzeptiert. Ich habe mich oft beklagt, aber er fand das nur amüsant. Er war sogar begeistert, denn wer kopiert wird, der ist berühmt. Nur für den Nachlass war das ziemlich kompliziert. Die Auflagen seiner Werke sind oft nicht bekannt, und Warhol hat alles signiert, was ihm unter den Stift kam. Man muss auf die Provenienz der Arbeiten achten. ". In: https://www.zeit.de/2012/46/Andy-Warhol-Kunsthaendler-Rudolf-Zwirner/seite-2

5 © Getty Images. In: https://pagesix.com/2019/12/03/michelle-obama-initially-didnt-like-kehinde-wileys-barack-obama-portrait/

6 https://www.americahousekyiv.org/ah-blog/2018/2/1/spotlight-artist-kehinde-wiley

7 Dittmar, Peter: Grundkurs Kunstmarkt: Händescheidung, 20.02.2019. In: https://www.zeit.de/2019/09/kunstwerke-haendescheidung-kunstmarkt-maler-signatur

8 Kenter, Ute: Das Künstleratelier ist kein Elfenbeinturm mehr, 16.04.2014. In: https://www.srf.ch/kultur/kunst/das-kuenstleratelier-ist-kein-elfenbeinturm-mehr

9 René Magritte © Christian Gibey, in: http://loutardeliberee.com/le-sofitel-de-montreal-celebre-les-artistes-de-lart-moderne/

10 Paquet, Marcel: René Magritte, Taschen Verlag, Köln 2006, S. 19

11 Schnabel, Norbert: Malen, was man in sich sieht – Caspar David Friedrich in seinem Atelier, 2013. In: http://syndrome-de-stendhal.blogspot.com/2013/04/malen-was-man-in-sich-sieht.html

12 Friedrich, Caspar David: Was die fühlende Seele sucht. Briefe und Bekenntnisse. Hrg. von Hinz, Sigrid, Henschel Verlag, Berlin 1968, S. 113

13 Földényi, László F.: Im Chaos malen. Zu Francis Bacons Atelier. In: https://faustkultur.de/2032-0-Tumult-Francis-Bacons-Atelier.html

14 In: Schmied, Wieland: Der authentische Zufall. Francis Bacon: Realismus ohne Illustration, 02.11.1984. In: https://www.zeit.de/1984/45/der-authentische-zufall

15 Kenter, Ute: Das Künstleratelier ist kein Elfenbeinturm mehr, 16.04.2014. In: https://www.srf.ch/kultur/kunst/das-kuenstleratelier-ist-kein-elfenbeinturm-mehr

16 Einführungstext der Ausstellung "Das Atelier: Orte der Produktion" (Kunstmuseum Luzern, 03.03. 29.07.2012). S. https://www.kunstmuseumluzern.ch/ausstellungen/das-atelier-orte-der-produktion/



15

3 Schneider, Tim: Who needs assistants when you have robots? Jeff Koons lays off dozens in a move toward a decentralized, automated studio practice, Artnet News, 17.01.2017. In: https://news.artnet.com/art-world/jeff-koons-downsizing-1442788

4 https://www.nytimes.com/2015/02/01/arts/design/kehinde-wiley-puts-a-classical-spin-on-his-contemporary-subjects.html

5 Jan Collaert I (after Stradanus), “Color Olivi” (or The invention of oil painting), c. 1600, engraving, in Nova Reperta, published by Philips Galle (The Metropolitan Museum of Art)

6 Auguste Rodin beaufsichtigt die Arbeiten an seinem Victor Hugo-Denkmal im Atelier seines Assistenten Henri Lebossé, 1896. In: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Auguste_Rodin_-_Monument_to_Victor_Hugo.jpg

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