Am Ende des Lockdowns - ein Licht: eine erweiterte Collage

Aktualisiert: Sept 10


"Gibt es ein Leben nach Corona?" mag sich der eine oder andere Jugendliche langsam fragen. Nach einem Jahr von Ups und Downs von Lockerungen und Lockdowns rücken die Erinnerungen an früher immer weiter in die Ferne. Das, was früher mal normal gewesen ist, erscheint heute beinah surreal: Festivals, volle Konzertsäle, Partys, Familienfeste, Fernreisen... Hatte es sie je gegeben? Oder entspringen sie bloß unserer Fantasie? Und wie geht es von hier aus weiter?

Man horche in sich hinein. "Schließe ich die Augen, dann sehe ich..." Ja, was eigentlich? Zwei Welten klaffen auseinander: Auf der einen Seite - das Hier und Jetzt, der Lockdown, das Homeschooling, die Pandemie mit all ihren Sorgen, Einschränkungen und offenen Fragen. Auf der anderen Seite - unsere Wünsche und Träume für die Zeit danach. Eine Zeit, in der alles, was jetzt nicht geht, wieder möglich sein wird. Doch wie wird es sein? So wie früher? Ein bisschen anders? Oder komplett unterschiedlich? Und was würde man als erstes unternehmen? Wen würde man treffen, wohin würde man reisen, was würde man nachholen, nachfeiern, nach-erleben wollen?


Draußen alles grau, aber in mir - das Meer.

Nele B, 10c Frederik H, 10c (Details)

Zu diesen Fragen haben Jugendliche am Ratsgymnasiums Stadthagen im Rahmen eines Homeschooling-Kunstprojekts Selbstportraits gestaltet, die ihre Gefühlslage nach einem Jahr Corona wiedergeben. Dabei probierten sie verschiedene Collage-und Mischtechniken aus, die meisten von ihnen analog. Einige zogen es vor, ihre Fundstücke und Zeichnungen digital zusammenzufügen. So oder so, der inhaltliche Auftrag blieb für alle gleich: Das Portrait und der Hintergrund sollten deutlich voneinander getrennt sein, um den Alltag im Lockdown auf der einen Seite und die eigenen Wünsche und Sehnsüchte auf der anderen Seite abzubilden.


Message in a bottle. Sally B, 9c (Detail)

Es war zwar im Vorfeld klar, dass es sehr persönliche Bilder werden würden. Doch das, was in drei Wochen Bearbeitungszeit letztendlich zustande gekommen war, übertraf bei weitem meine Erwartungen. Kommentarlos ploppten in meinem Mailaccount Bilder auf, die wie eine Flaschenpost ins Leere abgeschickt wurden und doch an der richtigen Adresse ankamen. Schon beim ersten Hinsehen merkte man, wieviel Sehnsucht, Frustration und Hoffnung in diesen Collagen steckte; wie sehr Jugendliche ihre Freunde, Familie und den Austausch in der Schule vermissten; wie stark sie sich eingeschränkt fühlten und wie einsam sie waren. Und bei all dem, wieviel Kraft und Kreativität sie in ihre Kunstprojekte investiert hatten und mit welchem Enthusiasmus sie sich in die Arbeit gestürzt hatten. Beim Sichten dieser Bilder musste ich des Öfteren ergriffen innehalten: Vielleicht, weil ich viele der Jugendliche gut kannte und mir umso besser vorstellen konnte, wie sie sich beim Arbeiten gefühlt haben mussten. Vielleicht berühren diese Bilder aber auch jeden Betrachter.


Im Folgenden werden über 30 Einzelcollagen im Ganzen und noch einige Detailaufnahmen mehr gezeigt. Die meisten Bilder sind zu Galerien zusammengefasst, die sich am Rechner besonders gut durchscrollen lassen. Dazwischen sind Zitate aus Schülerstatements abgedruckt. Alle diese Texte und Fotos stammen von den Schülern selbst und werden hier mit ihrem Einverständnis veröffentlicht. 
Als Besucher dieser digitalen Ausstellung könnt ihr zwischen drei Optionen wählen: Wer sich die Collagen-Galerie anschauen möchte, scrollt einfach weiter. Wer sich für die Entstehung und die Auswertung der Bilder interessiert, findet meinen Beitrag dazu im Anschluss an die Bilder-Galerie. Und wer sich selbst an meinem Arbeitsauftrag versuchen möchte, kann ihn hier heruntergeladen: 

Möchtet ihr euch selbst an einer erweiterten Collage versuchen? Hier ist der Arbeitsauftrag dazu:

Arbeitsauftrag_ErweiterteCollage_Tangian
.docx
Download DOCX • 18KB

"Dadurch, dass ich bei meinem Bild viel über den Lockdown nachgedacht habe, auch über seine guten Seiten, wie zum Beispiel das gegenseitige Helfen im Homeschooling, die eigene Zeitaufteilung oder die Zeit, die man mit den Geschwistern und der Familie verbringen konnte, ging es mir danach besser, weil ich mich auf die guten Sachen im Jetzt und auf die, die folgen werden, konzentrieren konnte." Lara-Mariella H, 9c

Bildergalerie: "Schließe ich die Augen, dann sehe ich..."

(bitte durchklicken; teilweise mit Vorskizzen)


Sally B, 9c


"Mir fiel es oft schwer, meinem eigenen Umfeld meine Gefühle mitzuteilen, weil ich Angst hatte nicht verstanden zu werden, und ich denke, dass es nicht nur mir so ging. Die Corona-Pandemie hat meiner Meinung nach für uns Jugendliche die meisten Auswirkungen, was nicht oft hervorgebracht wird." Maja G, 8d

Nele B, 10c


"Mir hat dieser Arbeitsaufträge sehr gut gefallen. Ich fand es schön in dieser Zeit auch einmal die positiven Sachen aufs Papier zu zaubern, das hat mich sehr motiviert. Ich würde jedem diesen Arbeitsauftrag empfehlen, um nicht nur an das Negative zu denken." Emma L, 10c

Lynn B, 8d


"Wir müssen heute mit vielen Einschränkungen leben. Diese Einschränkungen habe ich in Form von menschlichen Umrissen dargestellt. Mir ist besonders aufgefallen, dass ich mich eingeschränkt in meiner Freiheit fühle, was die Ketten symbolisieren sollen. Daneben kommen aber auch Wünsche auf, die momentan nicht möglich sind zu erfühlen. Mir fehlt z. B. das Reisen. Ich sehne mich danach, neue Orte zu entdecken und neue Erfahrungen zu machen. Deshalb ist dieser Punkt auch sehr präsent in meiner Collage." Nina ↓

Nina N, 10c


"Bei der Bearbeitung meiner Collage ist mir deutlich geworden, abgesehen von den daraus resultierenden Einschränkungen, dass Corona überwiegend aus Nachrichten (Texten) besteht und somit nicht wirklich sichtbar oder greifbar ist. Auch das mich seitdem begleitende Homeschooling* findet mit erhöhtem Textaufkommen statt. Daher habe ich für den Hintergrund meiner Collage Corona-Texte gewählt." Max H, 8d

* Aus familiären Gründen befindet sich Max seit 10 Monaten im Homeschooling.


Elisa B, 8d


"Über die Collage habe ich mir viele Gedanken gemacht. In ihr ist viel Blau zu finden. Es steht für Zufriedenheit, Ausgeglichenheit und Regeneration. Diese Gefühle sind Teil meiner Vorstellung eines Lebens, wenn kein Virus mehr da ist. Dazu der großen Schriftzug „Freedom“. Er bedeutet mir sehr viel, da er nicht nur nach dem Lockdown, sondern auch generell eine große Rolle spielen sollte. Freies Atmen, mit Freunden treffen, Hochzeiten, Konfirmationen, Geburtstage feiern, etc.. Alles führt auf die Freiheit zurück, die wir vor mehr als einem Jahr (mehr oder weniger) verloren haben." Lara-Mariella ↓

Lara-Mariella H, 9c


"Ich habe viele andere, vor allem Familienmitglieder, gefragt, was sie gerne machen würden, wenn der Lockdown vorbei ist. Ich wollte damit erreichen, dass nicht nur meine Empfindungen in der Collage zu sehen sind. Genau das ist auch das, was ich an meinem Bild besonders mag. Es ist nicht nur mein Bild. Die Gedanken vieler anderer, die mir wichtig sind, sind in dem Bild mit verarbeitet worden." Lara-Mariella ↑

Stella L, 9c


Die einen so:

"Als wir die Kunstaufgabe bekommen hatten, ging ich diese an wie jede andere, doch wie ich später bemerkte, hatte diese Kunstaufgabe eine besondere Bedeutung für mich und sicherlich auch für viele andere. Die Vorskizze war schnell gezeichnet und ich begann mich aufs Collagieren vorzubereiten. Vor allem, als ich die Zeitungsausschnitte und Bildchen raussuchte, wurde mir bewusst, wie sehr mir alles fehlte, die Leichtigkeit und Möglichkeiten, die es vorher gegeben hatte, Vergnügen, Gelassenheit, wie einfach es war und wie wenig ich es geschätzt hatte. Als ich die Bildchen dann auf der Vorskizze sortierte und zurechtlegte, sortierte ich auch meine Gedanken und Sachen, die ich in der Corona-Zeit hinter mir gelassen und verdrängt hatte. Natürlich wurden mir auch die positiven Sachen bewusst, wie die hohe Hilfsbereitschaft oder Anerkennung und Dankbarkeit für die, die vorher im Hintergrund waren und wichtige Arbeiten leisten. Aus der schlechten Zeit heraus sah ich positiv auf die schönen Seiten von vorher zurück und beschloss, die kommende Zeit, egal wie sie werden wird, mehr auszunutzen, zu schätzen und zu genießen, auch neue Erinnerungen zu schaffen, in doch so einer hoffnungslosen, bedrückenden Zeit voller Erschütterungen und Sorgen." Elisa B, 8d

Und die anderen so:

"Ich habe nur das Positive dargestellt, weil ich durch Corona nur positive Sachen habe! Es gibt nichts Negatives oder irgendetwas, was ich sonst machen würde und jetzt nicht machen kann." Nico K, 8c


Und es geht noch mehr: Collagen-Galerie

(bitte durchklicken)


Lale S, Felix B, Max H, Alexia D, Maja G, Lennard R, Emma F, 8d; Emil S, Angelina B, Zoe W, 8c; Ella T, 9c; Stina H, Emma N, Ricarda B, Lara H-H, Anny H, Leni T, 10c; Joshua H, Alexandra S, Lena K, Fabio S, Carolina W, 10d


"Da ich gern reise und Reisen für mich Freiheit bedeutet, ist dies für mich zentrales Thema des Innenlebens. Auch der Wiederaufnahme meiner Hobbys, wie insb. Kartfahren und Fußballspielen, sehe ich mit großer Freude entgegen. Die Geburtstagsfeier steht für alle sozialen Bedürfnisse, wie das Feiern mit Freunden und Familie im großen Kreis sowie die Wiederaufnahme von Kontakten einzelner Freundschaften, die im letzten Jahr nicht stattfinden konnten. Mir gefällt die freundliche bunte Gestaltung innerhalb meines Portraits am besten.“ Max H, 8d

...und als Zugabe: digitale Collagen


Frederik H, 10c; Sophi W, 8d; Rebin M, 10c (teils mit analogen Vorskizzen)



Eine erweiterte Collage: Projektbeschreibung


Um inhaltlich wie visuell am Tagesgeschehen anzuknüpfen, bot sich das Thema Collage an. Die Ausgangslage war günstig: Selten zuvor hatten Medien so geschlossen um ein und dasselbe Thema gekreist wie gerade. Corona, Corona, Corona: Die Zeitungen berichteten seit Monaten von nichts anderem. "Infektionszahlen", "Hotspots", "Risikogebiete", "Ausgangssperren" und "Durchseuchung" - Begriffe, die man bis dahin nur aus Dystopien und Katastrophenfilmen kannte, bestimmten auf einmal unseren Alltag. Nun, zumindest mangelte es nicht am passenden Collage-Material.


Elisa B, 8d Lara-Mariella H, 9c (Detail)

Trotz thematischer Gleichförmigkeit konnten Schüler ihre individuellen Schwerpunkte setzen, indem sie ganz bestimmte Schlagzeilen für ihre Bilder heraussuchten. Während die einen sich mit Krankheitsverläufen, gefährlichen Mutanten und Impfstoffen beschäftigten, sorgten sich die andere um soziale und psychologische Langzeitfolgen der Krise: "Angststörungen nehmen zu," lauteten da die ausgewählten Schlagzeilen, "Pandemie vergrößert Sorgen und Nöte der Jugendlichen", "Kündigung", "Depressionen", "Familien zerbrechen"... Auch Naturschutz und Ausländerfeindlichkeit waren weiterhin wichtig. Und schließlich fragten sich viele, wie und vor allem wann es zurück zur Normalität gehen würde. Doch auf ihre handschriftlich verfassten Fragen "Wann ist es vorbei?" "Ende? Wo?" lauteten die ausweichenden Antworten aus der Presse: "Abwarten." "Schauen wir mal..."


Hier und Jetzt: Details zum Durchklicken



Handwerkliche Umsetzung: Mischtechnik


Während die Aufgabe inhaltlich recht offen formuliert war, gab es auf der handwerklichen Ebene klare Vorgaben. Es sollte eine erweiterte Collage werden, bei welcher geklebte Fundstücke mit verschiedenen Mal- und Zeichentechniken kombiniert werden sollten. So konnte das Dokumentarische einer Collage mit dem Individuell-Experimentellen eines Gemäldes verknüpft werden. Außerdem bekamen dadurch die überwiegend schwarz-weiß gehaltenen Collagen eine farbige, atmosphärische und somit emotionale Wirkung - gerade beim Thema Wünsche und Träume substanziell.


Alles eine Frage der Haptik: Maja G, 8d

Dabei fiel mir eine interessante Konstante auf: Jüngere Schüler (8. Klassen) waren beim Malen experimentierfreudiger vorgegangen als ihre älteren Mitschüler (9. und 10. Klassen). Leztere hatten ihren Fokus verstärkt auf das Inhaltliche und die Schrift gelenkt. Deswegen erinnerten ihre Collagen an aufwendig gestaltete Mindmaps und wirkten zuweilen weniger emotional. Ich fragte mich, ob dieser Unterschied altersbedingt war, oder ob er daraus resultierte, dass der 8. Jahrgang aus sogenannten iPad-Klassen bestand, welche schon seit der 7. überwiegend digital unterrichtet wurden, auch im Fach Kunst. Vielleicht vermissten die iPad-Klassen verstärkt das Haptische? Jedenfalls schien sie das Thema Mischtechniken in einen regelrechten Materialrausch versetzt zu haben: Es wurde gespachtelt, übermalt, verblendet und aquarelliert, was das heimische Equipment nur hergab.


Schönes und Hoffnungsvolles: Details zum Durchklicken


Alles, was fehlt - und was eigentlich selbstverständlich sein sollte: drei Mindemaps zur Collagen-Vorbereitung

"Wieder in die Schule gehen; wieder Volleyball spielen; wieder Ballett tanzen; neue Sachen ausprobieren; wieder meine ganze Familie sehen; wieder die Berge im Winter + im Sommer sehen; keine Maske tragen; Essen gehen; 1 x Woche mit meiner Ma Kaffee trinken; neue Leute kennenlernen; Shoppen gehen; auf Konzerte + Festivals gehen; meine ganzen Freunde sehen..." Ida C, 8c

"Schwimmen gehen, Shoppen gehen, Feiern gehen, Kanal, Fahrrad fahren, in den Urlaub fliegen, Sonne, kalte Getränke, Konzerte / Festivals, Kino, Restaurants, maskenfrei, Zelten, ans Meer fahren, Musik hören, Picknicken, Pommes im Freibad..." Carolina W, 10d

"Reisen, mit Freunden treffen, Feiern gehen, Ausflüge mit Familie und Freunden, ohne Maske leben, Shoppen gehen, Geburtstag feiern, Oma besuchen, Jahrmarkt, Essen gehen, Konzerte besuchen, Fotos mit Freunden machen, Picknick, Roadtrip..." Yara N, 10d

Making Of: Skizzen


Stina H, 10c: Vorskizze

Das gesamte Projekt war auf drei Wochen, also drei Doppelstunden Kunst angelegt. In der ersten Woche sollten Bildideen entwickelt, Mindmaps verfasst und eine DinA3-Skizze anlegt werden. Auf diese Skizzen gab es ein individuelles Feedback. So konnten konzeptuelle Fehler frühzeitig erkannt und korrigiert werden.

Tatsächlich haben viele Schüler im Feuer des Gefechts den Arbeitsauftrag nicht richtig gelesen und erst einmal losgelegt. Also mussten sie daran erinnert werden, dass unter einem Portrait maximal ein Brustbild zu verstehen war; dass es im Hochformat und formatfüllend angelegt werden sollte; und dass beim Zeichnen des Gesichts alle erdenklichen Hilfsmittel zulässig waren - einschließlich Abpausen, Rastern & Co.


"Portraits Zeichnen: So geht's": nachzulesen hier

Gerade diese letzte Info hatte einen so lauten Seufzer der Erleichterung ausgelöst, dass man ihn bis an meinen Schreibtisch hören konnte. Allerdings war dieser Passus kein bloßes Entgegenkommen an die weniger begabten Zeichner unter uns, sondern durchaus didaktisch motiviert. Schließlich ging es hier nicht um das Portraitzeichnen als solches - ein Thema, das bei mehrere Klassen noch ausstand und im Präsenzunterricht nachgeholt werden sollte. Vielmehr sollte im Rahmen dieses reinen Homeschooling-Aufgabe eine Art visuelles Gefühlstagebuch erstellt werden. Das Selbstportrait bot dafür lediglich den formalen Rahmen.


Wenn schon Tricksen, dann richtig: Abpauschen & Co

Anleitungen zu unterschiedlichen Übertragungs- und Vergrößerungs-Methoden finden sich zuhauf auf YouTube-Tutorials, thematisch eingeteilt in:
 
- Rastern 
- Schattenriss 
- Projektionen, Abpausen & Co 
 
Selbstverständlich gibt es dazu auch Schritt-für-Schritt-Anleitungen in schriftlicher Form, wie man sie in Fachbüchern und im Netz vorfindet, etwa hier. Ob man mit Video- oder Schritt-für-Schritt-Anleitungen besser zurechtkommt, ist typabhängig. Am Ende zählt nur das Ergebnis.

"Schließe ich die Augen, dann sehe ich...":

erweiterte Collage


Emma F, 8d (Detail)

Sobald die Skizze fertig war, konnte der eigentliche kreative Prozess beginnen: Material Sammeln und Zurechtschneiden, Collagieren, Zeichnen, Malen, Spachteln... Als Zeitraum blieben dafür zwei Wochen übrig, also insgesamt vier Unterrichtsstunden. Allen Beteiligten war im Vorfeld klar, dass dieses Zeitfenster knapp bemessen war. Andererseits konnte jeder seinen Einsatz individuell dosieren: Die auf Effizienz bedachten Pragmatiker konnten ihre Collagen relativ schlicht gestalten und trotzdem ansprechede Ergebnisse erzielen. Diejenigen aber, die gerne ihre Künstlerspleens zelebrierten, hatten endlich eine reale Chance, mit ihren Bildern fertig zu werden: Während sie im Präsenzunterricht systematisch an ihrem Perfektionismus und ihrem optimistischen Zeitmanagement scheiterten, profitierten sie zuhause von der flexiblen Zeiteinteilung.


"Die Arbeit an der Collage fühlte sich an wie eine kleine Therapie, weil man den Stress der anderen Aufgaben vergessen konnte, und man sich ganz anders mit der Situation auseinandersetzte. Es tat sehr gut, sich mit etwas guter Musik an diese Aufgabe zu setzten und zu überlegen, wie man dabei vorgehen möchte - auch wenn der Teil der Collage, der die Wünsche für die Zeit nach dem Lockdown darstellen sollte, natürlich mehr Spaß machte." Stina H, 10c

Bilder einer Ausstellung: Micro-Laudatio


Im Rahmen dieser digitalen Ausstellung wurden hier ausgewählte Collagen vorgestellt, einige von ihnen samt Vorskizzen und Nahaufnahmen, um den kleinformatigen Motiven und handwerklichen Raffinessen Rechnung zu tragen. Andere wurden zu einer Bildergalerie zusammengefasst; von vielen weiteren Collagen waren Detailaufnahmen zu sehen. Insgesamt hatten über 50 Schüler an der Ausstellung partizipiert.


Im März 2021 entstanden, stellen diese schriftlichen und bildhaften Selbstzeugnisse der Schüler eine Momentaufnahme dar. Auch erheben sie keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit; vielmehr ist es eine recht heterogene Sammlung an individuellen Lockdown-Aufarbeitungen. Einige Jugendliche scheinen unter ihrer Isolation stark zu leiden; andere arrangieren sich damit und verlagern ihren Fokus ins Innere; und dann gibt es Jugendliche, die sich von Corona kaum beeinträchtigt fühlen. Wie erstaunlich es auch klingen mag, ihren Aussagen zufolge vermissen sie im Lockdown: nichts.


"Ich habe eine Collage bewusst in der Silhouette und außen herum mit Fotos gestaltet, die mich an etwas Schönes erinnern, da mein Alltag sich eigentlich nicht groß bzw. nicht negativ verändert hat. Mein Ballettunterricht findet online statt, ich hab' viel mehr Zeit für meine Hunde, ich lese viel, mache Sport und konnte Neues ausprobieren." Zoe W, 8c

Rebin M, 10c ↓ Emma N, 10c

Diese digitale Ausstellung verfolgt zweierlei Ziele: Zum einen dient sie einer angemessenen Würdigung dieser eindrucksvollen, sehr persönlichen und ergreifenden Schülerarbeiten. Zum anderen soll sie den Jugendlichen mehr Öffentlichkeitspräsenz verschaffen. Denn schon seit einem Jahr befinden sie sich im Homeschooling. Von einem Tag auf den anderen waren sie vom Medienradar verschwunden. Selbst wenn in der Presse gelegentlich von "Sorgen und Nöten der Jugendlichen" die Rede ist (s. oben), kommen sie selbst nur selten zu Wort. Man könnte meinen, sie hätten dazu nichts zu sagen. Doch dem ist nicht so, wie ihre Bilder und Texte deutlich belegen. Sie erzählen vom Alltag im Lockdown, von kleinen und großen Ereignissen, von Ängsten, Rückschlägen und Hoffnungen und von der Zeit danach. In häuslicher Isolation entstanden, fügen sich diese einzelnen Collagen zu einer Teamarbeit zusammen und helfen vielleicht dabei, an das Gemeinschaftsgefühl einer Schule zu erinnern.



Wie Homeschooling Schule verändert:

Ansichten eines Kunstlehrers


Beim intensiven Austausch mit den Schülern, der mich von morgens bis abends an den Rechner fesselte, fielen mir neben den vielen offensichtlichen, in den Collagen deutlich erkennbaren Nachteilen des Homeschoolings auch einige überraschende Vorzüge davon auf. So wirkten Schüler in ihren Mails viel reifer, reflektierter und nicht zuletzt höflicher als im Präsenzunterricht. Denn gerade im Kunstunterricht ging es für gewöhnlich ruppig zu: Da herrschte zwischen Tischen, Waschbecken und Mülleimern ein munteres Kommen und Gehen; gelegentlich wurde dazwischengerufen ("Wer hat einen Radierer?") oder auch dazwischengeworfen: "Hier, fang'!" Am Ende der Stunde stürmte die gröhlende Herde freudig aus dem Klassenraum und hinterließ einen überreizten Lehrer, haufenweise zerknülltes Papier und einen muffigen Geruch, über den sich 15 Minuten später die nächste gröhlende Herde stühlerückend beschwerte.

↑ Egeia E, 10d ↓ Ella T, 9c (Details)

Ganz anders lief es im Homeschooling ab. Alle Schülernachrichten begannen mit einem höflichen "Hallo" und endeten mit "liebe Grüße" oder sogar "danke, Sie haben mir sehr geholfen." Eine völlig neue Gesprächskultur tat sich hier auf; ich gebe offen zu, dass man sich daran gut gewöhnen könnte. Und es blieb nicht bei Höflichkeitsfloskeln. Der wertschätzende, konstruktive Umgangston hatte sich auch auf die allgemeine Wertschätzung des Faches ausgewirkt. Schüler, denen Kunst bis dahin bestenfalls als Unterricht-Placebo vorgekommen war, mussten überrascht feststellen, dass auch hier klar benennbare Beurteilungskriterien vorherrschten. O Wunder: Nicht alles lag "im Auge des Betrachters" oder war eine Frage des "angeborenen Talents". Außerdem hatten Schüler zuhause keinen Sitznachbarn, bei dem sie mal eben über die Schulter gucken konnten, der ihnen mal eben Materialien zuschob. Zuhause mussten sie sich selbst organisieren, ihre Arbeitsaufträge lesen, ihre Materialien beschaffen und danach eigenständig, kriterienorientiert und zeitlich effizient an ihren Kunstprojekten arbeiten... Den ratlosen Mails und Nachfragen zufolge eine völlig neue Erfahrung!


↓ Rebin M, 10c (Details)

Und noch ein positiver Aspekt des Distanzlernens sei hier hervorzuheben: die Möglichkeit zur individuellen Förderung besonders fachinteressierter Schüler. Im Präsenzunterricht hatte ich oft das Gefühl, nur die Störenfriede wahrzunehmen, mehr Dompteur als Fachvermittler zu sein. Zu kurz kamen dabei diejenigen, die ruhig auf ihren Plätzen sitzen blieben, selbständig arbeiteten und nicht negativ auffielen. Nun hatte ich aber vom Schreibtisch aus ganz neue Möglichkeiten, mit introvertierten Schülern ins Gespräch zu kommen und kunstinteressierte Schüler bei ihren aufwendigen Projekten zu begleiten. Sie dankten es mir mit einem noch nie dagewesenem Engagement. Plötzlich hatte ich gut fünfzig Brieffreunde, die mir mehrfach wöchentlich Mails schrieben. Sie schickten mir ihre Zwischenergebnisse, ich machte Verbesserungsvorschläge, verschickte vertiefenden Arbeitsblätter und weiterführende Links - zu Buntstifttechnik, zu Verblendungsmethoden, zum Fotografieren von Bildern, zu Kunstforen, YouTube-Kanälen, Künstlerblogs, Zeichentutorials... Bei all seiner zeitlichen Intensität war dieser Austausch sowohl für die Schüler als auch für mich extrem wertvoll. Endlich war das möglich, wovon wir Lehrer in überfüllten Klassenräumen in der Regel nur träumten: das binnendifferenzierte Unterrichten.


Fazit

Nicht nur methodisch, sondern auch qualitativ hatte die Kunstvermittlung vom Homeschooling stark profitiert. "Corona als Chance begreifen" - wie abgedroschen dieser Satz auch klingen mochte, in Bezug auf die gegenseitige Wertschätzung, auf das kriterienorientierte Arbeiten und auf die Möglichkeiten der individuellen Förderung hatte Corona (oder vielmehr das Homeschooling) tatsächlich viel Positives bewirkt. Ich hoffe nun, einiges davon in die pandemiefreie Zeit herüberretten zu können, um auch in Zukunft von dieser außergewöhnlichen Erfahrungen zu profitieren. Diesen Blog zum Beispiel: Vor einem Jahr während des ersten Lockdowns gegründet, hatte er sich als Ausstellungsforum, Materialbörse und Austauschplattform etablieren können. Daran ließe sich auch nach dem Lockdown weiterarbeiten!


Danksagungen


Danke an alle Schüler, die ihre Collagen, Detailaufnahmen, Skizzen, Mindmaps und Statements zu dieser digitalen Ausstellung beigesteuert haben:


8c

Nico B, Angelina B, Ida C, Tim H, Justus H, Nico K, Justin K, Josch O, Emil S, Svenja S, Anika S, Finn V, Zoe W, Mattes W

8d

Lynn B, Elisa B, Felix B, Alexia D, Emma F, Maja G, Max H, Lennard R, Sina R, Lale S, Sophi W, Helene W

9c

Sally B, Lara-Mariella H, Stella L, Eike M, Ella T

10c

Nele B, Ricarda B, Luisa B, Letizia G, Lara H-H, Frederik H, Anny H, Stina H, Emma L, Rebin M, Nina N, Emma N, Leni T

10d

Egeia E, Noelle H, Joshua H, Lena K, Jule M, Yara N, Alexandra S, Fabio S, Carolina W


Egeia E, 10d (Detail)


Zugabe


Es wäre mir eine große Freude, wenn über dieses Portal ein Austausch mit Schülern und Kollegen stattfinden würde, weit über die Grenzen unserer Schule hinaus. Hier möchte ich die Arbeit einer Kollegin aus NRW posten, die ihre Zeit der Rokonvaleszenz im Krankenhaus dafür genutz hat, sich wieder kreativ zu betätigen. Bei ihrer Recherche im Internet hat Eva D. meine Seite und das Thema "Lockdown-Collage" entdeckt:



"Während ich tagelang nichts mit mir anzufangen wusste, bin ich beim „Surfen“ im Netz auf Ihre Kunstkolumne gestoßen und war insbesondere von o. g. Aufgabenstellung angetan. Warum eigentlich nicht, dachte ich mir. Im Schwesternzimmer habe ich einen Bleistift und ein Blatt Packpapier organisiert, einen Kuli hatte ich dabei und dann habe ich morgens mit meiner Nagelschere die Tageszeitung bearbeitet (das war mit einem Arm in Gips echt nicht so leicht). Mein Korrekturfüller und zwei Buntstifte brachten dann etwas Farbe in das Ganze. Ich vermute, das Personal hielt mich für ziemlich irre. Aber da konnte ich drüber stehen ;-) Ehrlich gesagt kann ich mich kaum daran erinnern, wann ich zuletzt, einfach so, irgendetwas Kreatives gemacht habe. Im Normalfall komme ich (...) nur noch im Rahmen meiner eigenen Unterrichtsplanung dazu... Der Prozess, etwas zu tun und nicht stur auf irgendetwas Fremdbestimmtes warten zu müssen (Visite mit neuen Ergebnissen, etc.) hatte etwas so Befreiendes... Ich kam endlich auf andere Gedanken und habe meinen Jungs jeden Abend in unserer „Videokonferenz“ (Besuch im Krankenhaus ist ja immer noch nicht möglich) ein kleines Stückchen mehr zeigen können." Eva D., 39

Das eindrucksvolle Ergebnis ihrer Arbeit hat Eva in ihren Mails an mich ausführlich reflekiert. Ihr Projekt hat mich sehr berührt. Mit ihrem Einverständnis möchte ich es auch euch zugängig machen. Und vielleicht inspiriert Evas Beispiel auch euch dazu, selbst aktiv zu werden, beherzt zum Bleistift zu greifen und eure Kreativität ungezwungen und selbstbestimmt auszuleben. Das würde mich jedenfalls sehr freuen!


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