Exlibris reloaded: Linoldruck


Wer lesen kann, ist klar im Vorteil; doch wer streamen kann, ist besser dran. So oder so ähnlich hatten sich das viele Jugendliche im Lockdown gedacht - und surften, was das heimische Equipment so hergab. Manche luden Bilder hoch, andere Spiele runter, wieder andere streamten ihre Lieblingsserien, Filme und Musik. Sie lasen Kindl, zockten mit Freunden, verschickten Nachrichten, sahen sich Tutorials auf TikTok an...

Rückblickend erscheint es unbegreiflich, wie sie bei diesem Pensum noch das Homeschooling und die Nahrungsaufnahme bewältigen konnten. Denn auch für Gamer und Youtuber hatte der Tag nur 24 Stunden...


Oben: Emma N. (Detail, retuschiert); unten: Schriften (Details)


Kenan K.: Dean Norris in "Breaking Bad"

Die Lage verschärfte sich, als am 10. Mai die Schulen wieder öffneten: zuerst im Wechselmodus, ab dem 31. Mai dann für volle Klassen. Nun waren die Jugendlichen wieder in der Schule und ihre liebgewonnenen Controller und Endgeräte zuhause verwaist. Dabei hatten diese so viel zur Bewältigung des Lockdowns beigetragen! Lagerkoller verhindert, Freundschaften aufrechterhalten, für unvergessliche Lockdown-Highlights gesorgt... Damit ihr wertvoller Dienst an der Menschheit unvergesslich blieb, beschlossen meine Zehntklässler und ich, ihren persönlichen Lockdown-Helden ein künstlerisches Denkmal zu setzen.

Auf der Suche nach einer geeigneten Ausdrucksform fiel mir die Kunstgattung der Exlibris ein. Diese mochte heute antiquiert erscheinen. Dabei war sie jahrhundertelang sehr verbreitet und personalisierte die Mutter aller Streamingdienste und Austauschplattformen: das analoge Buch.


Didaktischer Kontext: Exlibris


Als Bücher noch rar und teuer waren, ließen Buchsammler individuelle Holzschnitte anfertigen, um ihre Bücher zu personalisieren. Für gewöhnlich war auf diesem Stempel ein logoartiges Bildmotiv zu sehen, darüber der Schriftzug Ex libris (auf Latein „aus den [gesammelten] Büchern [von]“) und darunter - der Name des Buchbesitzers. 

Die Bildmotive kreisten oft um das Thema Lesen. Beliebt waren Darstellungen von Bücherstapeln, Regalen oder Lesesesseln. Gelegentlich wurden auf Exlibris Romanhelden oder Szenen aus Lieblingsbüchern abgebildet: Alice im Wunderland zum Beispiel oder Don Quichotte, der gegen die Windmühlen kämpft. Ebenfalls verbreitet waren Anspielungen auf den Namen oder den Familienwappen des Buchbesitzers, etwa ein heulender Wolf für einen Buchliebhaber, der mit seinem Familiennamen Wolf hieß. So fühlte sich Herr Wolf seinen Büchern gleich verbundener.

Eine praktische Funktion hatten Exlibris natülich auch: Sollten die Bücher mal verliehen werden, fanden sie später (eher) zu ihrem Besitzer zurück. Somit hatten sie eine ähnliche Funktion wie ein Bibliothekstempel. Doch dass ein Buchstempel allein nichts garantiert, weiß jeder Buchliebhaber - und erst recht jeder Bibliothekar. 

Die Anfänge der Exlibris gehen auf das 15. Jahrhundert zurück: "Mit der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg um das Jahr 1440 gelangten Bücher preiswerter an einen weiteren Leserkreis. Die daraus resultierende Blüte der Bibliotheken ließ den Wunsch aufkommen, den eigenen Buchbesitz zu kennzeichnen. In den Einbänden klebten nun Exlibris; kleine gedruckte grafische Kunstwerke auf Papierbögen als Holzschnitt, Kupferstich, Stahlstich, Lithografie oder in einer der modernen Drucktechniken" (s. Wikipedia). 

Im 19. Jahrhundert blühten Exlibris zu einer eigenenständigen Kunstgattung auf. Während sie zuvor rein funktional der Bücherkennzeichnung dienten, wurden sie nun gesammelt und in Museen und Galerien ausgestellt. Manch Exlibris ist heute um vieles mehr Wert als das Buch, das es ursprünglich schmücken sollte.

Die Kunstgattung Exlibris wird traditionell zur Kleingrafik gezählt, denn viele Exlibris waren bloß ein paar Zentimeter groß, um selbst in kleinsten Büchern Platz zu finden. Für gewöhnlich platzierte man sie auf einer der ersten Seiten, also auf dem Vorsatz oder dem Titelblatt eines Buches. 

Um eine hohe Exlibris-Auflage zu erreichen, griffen Grafiker auf unterschiedliche Druckverfahren zurück. Dabei richtete sich die konkrete Wahl der Technik nach dem Auftraggeber: Wollte er seine Exlibris als Stempel benutzen, fiel die Wahl auf Hochdruckverfahren wie Holz- oder Linolschnitt. Wollte er aber seine Exlibris als Aufkleber einsetzen, konnten auch andere Druckverfahren verwendet werden, vom Tief- über Flach- bis Hochdruck, hier war alles möglich. 


Oben: Exlibris von Hanns Igler Knabensberger (ca. 1450-1470), Holzschnitt - eins der ersten überlieferten Exlibris überhaupt. Quelle s. hier

Unten: Hans de Jong: Exlibris für H. J. Arends, Holzschnitt, um 1940


Einen Einstieg in das Thema Exlibris samt Bildbeispielen aus dem Netz findet ihr hier:


Linolschnitt_ExLibris_Ta
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Exlibris reloaded: ein altes Sujet, neu interpretiert


Heute sind Privatbibliotheken eher selten. Dafür boomen andere Informations- und Unterhaltungs-Plattformen. Daher war es an der Zeit, das Thema Exlibris neu zu interpretieren. Spot an für alle Social Media- und Streamingdienste, die das Leben der Jugendlichen im Lockdown erträglicher gemacht hatten! Und genau an dieser Stelle setzte unser Projekt an. Jeder Schüler sollte sich für einen persönlichen Lockdown-Helden entscheiden und diesem ein ikonisches Bild samt Schriftzug widmen. Um der Exlibris-Tradition zu huldigen, wurde den Überschriften ein „Ex“ vorausgeschickt. Nun lauten sie also „Ex Spotify“ ("Aus Spotify"), „Ex Snapchat“ oder „Ex Pinterest“ – nur echt in der patentierten Schriftart des Anbieters.

Oben: Leni T.; unten: Jolina P.


Bei der der Technik fiel die Wahl auf den Linolschnitt. Schließlich kam dieses Hochdruckverfahren dem klassischen Holzschnitt-Exlibris am nächsten, wobei das Linoleum günstiger und handlicher war als Holz. Dabei konnten die Jugendlichen an ihre Tiefdruck-Erfahrungen anknüpfen, die wir unter erschwerten Bedingungen im Homeschooling sammeln konnten. In einer zweistündigen Videokonferenz! Mit Tetrapak und Schuhcreme! Es war für uns alle eine bewusstseinserweiternde Erfahrung gewesen, und wer den entsprechenden Bericht lesen möchte, wird hier fündig. Trotz anfänglicher Bedenken fanden die Jugendlichen dieses Tütendruck-Experiment toll, vor allem als Gegenprogramm zu ihrem sonst so bildschirmlastigen Lockdown-Alltag. An diesem Experiment wollten wir nun im Präsenzunterricht anknüpfen und das Thema Druck wortwörtlich vertiefen.


Linolschnitt bot sich dabei aus mehreren Gründen an. Zum einen, weil er eine weitere Facette des Druckens darstellte, bei welcher weniger die Linie als vielmehr die Fläche im Fokus stand. Zum anderen musste die Unterrichtsplanung coronabedingt flexibel bleiben: Im Wechselunterricht musste das Material leicht transportabel sein, und im Fall eines erneuten Lockdowns musste der Druck auch zuhause zu bewältigen sein.

Kein Problem für uns! Einmal in der Schule ausgeteilt, konnten Messer sowie Linolplatten mit nach Hause genommen und zur Not im Homeschooling gedruckt werden: Ein bisschen Schuhcreme, eine kleine Farbrolle, mehr hätte man nicht bedurft.


Oben: Emma L. (Detail); unten: Alina H. (Detail)


Doch so weit sollte es gar nicht kommen: Bis zum Schuljahresende blieben die Schulen offen, sodass das Drucken planmäßig im Klassenraum stattfinden konnte. An diesem Tag hörte ich viele Eltern in ihren heimischen Küchen erleichtert aufatmen: Sicher steckte ihnen noch unser Tiefdruck-Armageddon in den Knochen; vielleicht waren sie immer noch dabei, Schuhcreme von ihrer Küchenplatte abzukratzen.... Aber so ist es nun mal mit der Kunst, sie fordert eben ihre Opfer.

Sobald unser Exlibris-Konzept feststand, konnte die Praxis beginnen. Doch an dieser Stelle überspringe ich das genau Prozedere. Schließlich ist die Technik des Linolschnitts hinreichend bekannt und wird in zahlreichen Tutorials ausgeführt (s. auch das Video-Tutorial unten). Daher gehe ich nicht weiter darauf ein, sondern lasse lieber die Bilder der 10c für sich sprechen. Darin feiern die Jugendliche - mehr oder weniger selbstironisch - bekannte Streamingdienste, Computerspiele & Co. Doch einige Zehntklässler scheinen dem guten alten Buch weiterhin den Vorzug zu geben. Tatsächlich. Und somit schließt sich der Kreis. Make books great again!


Hochdruck to go: In diesem Tutorial des Horst-Janssen-Museums wird gezeigt, wie Hochdruck auch zuhause gelingen kann. Die Druckbox mit allen dazugehörigen Utensilien kann man übrigens über den Museumsshop erwerben: hier ist der Link.



We love to entertain you! Exlibris, neu interpretiert


Bilder zum Durchscrollen: Anny H., Yannick S., Lucy B., Rebin M., Yannick B., Kim K., Alsharif A., Sebastian K., Lilly V.


Nele B.


Ricarda B.


Nina N.


Emma N.


Luisa B.



Das Buch ist tot, es lebe das Buch! Das klassische Exlibris


Lara H. -H.


Alina H.


Yasmin K.


Emma L.


Exlibris im Einsatz


Fotoinstallation von Stina H., die im Lockdown hauptsächlich gelesen hat - EX-zessiv


Fotoinstallation von Frederik H., der sich im Lockdown mit Origami beschäftigt hat: EX-quisit


Infos und Quellen

1. Viele alte und moderne, witzige und gruselige, ansprechende und abschreckende Exlibris-Beispiele findet man unter deviantart.com, s. hier


2. Weitere inspirierende Exlibris-Ideen oder sogar fertige Exlibris zum Bestellen findet man auf etsy.com


3. Das Frederikshavn Art Museum in Dänemark hat seine Exlibris-Sammlung in Form einer Datenbank online gestellt: www.art-exlibris.net


4. Wie viele namhaften Bibliotheken besitzen auch die Universitätsbibliothen J. C. Senckenberg in Frankfurt/Main, Bayerische Staatsbibliothek in München oder auch Staatsbibliothek zu Berlin kleine, aber feine Exlibris-Sammlungen, die man vor Ort besichtigen kann.



5. Für Kurzentschlossene gibt es Linolstarter-Kits zu bestellen, mit denen man gleich von zuhause aus loslegen kann, etwa bei Gerstaecker, s. Abbildung bzw. Link. Deutlich professionellere Ausstattung gegen ein geringfügig höheres Entgelt findet man unter diesem Link. Und natürlich gibt es vergleichbare Angebote auch bei anderen Kunstbedarf-Anbietern. Einfach mal nachfragen.


Abbildung oben: Exlibris "Batwoman" von Piotr Naszarkowski auf deviantart.com

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