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Alles eine Frage der Dose: Graffiti x 27

Aktualisiert: 27. Sept. 2022


Gegeben sei: ein gigantischer Kunst-Leistungskurs (27 Mann), eine winzige Kunstlehrerin, 4 Monate Zeit und ein Semesterthema, das es in sich hatte. "Arbeit und Freizeit," hieß es sinngemäß, was an sich schon spannend klang. Aber es kam noch besser: Erstmalig in der Geschichte des Landes Niedersachsen stand Banksy auf dem Programm. DER Banksy, der mit seinen sozialkritischen Graffitis das Establishment in den Wahnsinn treibt. Der seine frisch versteigerten Kunstwerke vor laufender Kamera schreddert. Und der trotz seiner enormen öffentlichen Präsenz immer noch unter dem Radar läuft. Die 27 Schüler waren auf Anhieb begeistert. Ja klar, machen wir Graffiti, was sonst?!


Evelin K. (oben) und Pia K. (unten)

So weit, so gut. Jetzt fehlte nur noch eine passende Wand. Gemeinsam streiften wir übers Schulgelände: Alle Sinne waren geschärft, der Kurs im Jagdmodus. Wie in Jurassic Park schweifte sein Blick umher auf der Suche nach einer geeigneten Beute. Schließlich blieb er auf einer Doppelgarage hängen. Die Pupillen weiten sich: Der verwitterte Fertigbau passt gut in sein Beuteschema - und auch zu seinem Semesterthema. "Arbeit und Freizeit": Während ein Teil der Garage als Hausmeister-Werkstatt fungiert, werden im anderen Teil Spielgeräte aufbewahrt. Laufstelzen, Hula Hoops, Bälle: alles, was die Schülerherzen höher hüpfen lässtund die Schüler gleich mit.

Geeigneter konnte ein Gebäude kaum sein, zumal seine vier Seiten genug Platz boten, um sich darauf mit 27 Leuten auszutoben. Wer jetzt noch Bedenken anmeldete (in mir zum Beispiel rührten sich welche), hatte bloß kalte Füße. "Nothing's gonna stop us now": Graffiti-Erfahrung? Fehlanzeige. Arbeiten im Großformat? Nie gemacht. Mit 27 Personen ein gemeinsames Konzept erstellen? Wird schon werden. Die Fallhöhe war hoch, der Platz auf dem Pausenhof maximal exponiert, die ganze Schulgemeinschaft schaute zu. Was sollte da noch schief gehen?



Inhaltsverzeichnis: Wenn es schnell gehen soll

(einfach draufklicken)




Es konnte nur besser werden: die Doppelgarage in ihrem Urzustand


 

Vier Monate später: Unmöglich, alle Irrungen und Wirrungen dieses Projektes zu rekonstruieren, also werde ich es gar nicht erst versuchen.* Es folgt: eine kursorische Fotodokumentation unseres XXL-Vorhabens, das mit einer monatelangen, zähen Konzeptphase begann und mit einer fulminanten Materialschlacht endete. Immer mit dabei: das pralle Schulleben. Von wegen "Kurz vor den Sommerferien werden nur noch Spiele gespielt und Filme geguckt"! Vom Abistreich über Projekt- und Wandertage, Sportfest, Theaterproben, Berufsorientierung und schließlich Zeugnisausgabe, das alles durften wir im Auge des Orkans hautnah und in bester Tonqualität erlebt. Und selbst in den Ferien war noch lange nicht Schluss. Um das akustische Spektrum Schule abzurunden, trafen wir uns auf dem stillen und vollkommen verlassenen Pausenhof, um dort zehn weitere Stunden am Stück zu schuften, bis das Graffiti seine finale Form annahm: "Can't stop the feeling"...


Materialschlacht im vollen Gang. Danke unserem großartigen Hausmeister-Team, das dieses Chaos vor und in der Garage tagelang geduldig ertragen hatte.



1. Wozu dieser Beitrag?

Im Folgenden soll in erster Linie die unglaubliche Leistung meines Kurses gewürdigt werden. Trotz Wind und Wetter, im Wettlauf gegen die Zeit und mit viel Kreativität und persönlichem Einsatz hatten sie vier großartige Wandgemälde erschaffen, die motivisch, stilistisch und farblich einen großen Bogen spannen und doch ein in sich geschlossenes, mehransichtiges Graffiti-Objekt ergeben. Wir alle hatten uns weit aus unserer Wohlfühlzone herausgelehntund dieses Wagnis hatte sich gelohnt. Ein riesiger Dank also an alle, die an diesem einzigartigen Projekt mitgewirkt haben!** Ihr habt unsere Schule zu einem schöneren Ort gemachtund mit ihr ein Stück weit die ganze Welt.

Nele Z. (oben); Evelin K. und Jolin N. (unten)

Zusätzlich zur reinen Projektwürdigung und -dokumentation soll dieser Beitrag dazu dienen, das Medium Graffiti aus der Sicht eines Laien zu reflektieren. Denn rückblickend hätte ich mir gewünscht, einen solchen Bericht gelesen zu haben, bevor ich mich in dieses Abenteuer gestürzt hatteziemlich naiv und etwas größenwahnsinnig, wie sich herausstellen sollte. Aus diesem Grund habe ich hier alle unsere Erfahrungen sowie die Expertise von Graffiti-Künstlern wie #Kartel und #Steinmetz, die Ergebnisse meiner Internet-Recherche und die vielen Tipps von graffitiaffinen Schülern und Kollegen zusammengetragen. Möge dieser Beitrag all denen, die sich an dieses Medium heranwagen wollen, den Rücken stärken und den Einstieg erleichtern! Es lohnt sich. Das großformatige Arbeiten, die leuchtenden Farben, die Sichtbarkeit der Bilder im öffentlichen Raum und ja, auch der unerwartet sinnliche Akt des Sprühens als solcher haben uns begeistert. Just do it! Es wird euch gefallen, versprochen.


 


* Zu diesem Projekt haben Herr Professor Heinen, Bergische Universität Wuppertal, und ich eine Publikation geplant. Um dieser nicht vorzugreifen, werden alle Überlegungen zum bildrhetorischen Produktionsprozess (s. Arbeitsauftrag, 2.3.) hier ausgeklammert.


** Mein Dank gilt sowohl den 27 Schülerinnen und Schülern des Kunst-LKs als auch unseren wunderbaren Hausmeistern, die uns tatkräftig unterstützt und unsere Invasion stoisch ertragen haben; ein großer Dank an unsere Schulleitung, die von Anfang an hinter uns stand, trotz steigender Kosten und abenteuerlicher Arbeitszeiten; danke an alle Mitschüler, die uns beim Abkleben, Abschleifen, Streichen und Schleppen geholfen haben; schließlich danke ich allen betroffenen Eltern und anderen Familienangehörigen, die auf ihren kreativen Nachwuchs so oft verzichten, ihn zu Unzeiten fahren, mit Broten versorgen, gelegentlich trösten und sehr oft loben mussten.




 

1.1. Das (fast) fertige Werk



 

1.2. Typisch Schule: Das kannst du dir nicht ausdenken!


Die Schule ist ein sehr lebendiger Ort, und nirgendwo erfährt man es unmittelbarer als auf dem Schulhof. Unsere Graffiti-Erfahrung zeigte: You never spray alone. Im Verlauf der letzten zwei Projektwochen waren die Schüler nicht nur im Dauereinsatz, sondern auch unter Dauerbeobachtung. Herr Professor Heinen*, der das Projekt bis dahin aus der Ferne begleitet hatte, kam am vorletzten Schultag persönlich vorbei, um uns tatkräftig zu unterstützen. Davor besuchten uns die Schaumburger Presse, Schüler, Kollegen, sogar Eltern und Nachbarn schauten uns über die Schulter. Die Überreizung am Abend konnte man manchmal nicht in Worte fassen.

Und dann, eines Morgens, tauchten auf unserer frisch gestrichenen schwarzen Wand künstlerisch wenig ambitionierte, dafür aber leicht eingängige Motive auf (Bild weiter unten). Offenbar herrschte auf dem Pausenhof selbst nachts reger Betrieb. Sobald der erste Ärger verflogen und die Kritzeleien weggewischt waren, legte ich den Vorfall zu den "Typisch Schule"-Akten: So etwas konnte man sich nicht ausdenken, es passierte hier einfach. Auch andere teils ärgerliche, teils witzige Ereignisse brachten unsere Pläne immer wieder durcheinander. Hier war kein Tag wie der anderer, und man fuhr am besten, wenn man ihn nicht zu genau plante. Am Ende kam eh alles anders, oft sogar besser als erhofft, und wenn nicht, dann wurde man zumindest glänzend unterhalten.


Besuch von Herrn Heinen, von der Presse und von mehr oder weniger interessierten Mitschülern


Nachdem ausrangierte Schulbücher im Container gelandet waren (We don't need no education), realisierten wir, dass er viel zu nah an der Wand stand. Da half nur eins: geballte Manpower.


Anstrich trotz Abistreich: Am Morgen, an dem wir mit dem Sprühen beginnen wollten, fanden wir die Schule verändert vor. Über Nacht hatten die frisch gebackenen Abiturienten das ganze Schulgelände unpassierbar gemacht, Stroh verstreut, Absperrungen eingerichtet, Wasserpistolen geladen, große Musikboxen auf "unserer" Garage aufgebaut ... Abistreich eben. Mit viel gutem Zureden konnten wir die nicht mehr ganz so nüchternen Abiturienten dazu bewegen, ihre Zelte 20 Meter weiter aufzuschlagen. Das taten sie auch und beschallten uns dafür den ganzen Tag mit ohrenbetäubenden Schlagern. Doch so richtig lauschig wurde es erst, als sich ein Grillwagen dazugesellte. Grillgeruch, Sonne, "Die schöne Layla" in Dauerschleife und die riesige Schülerschlange, die hinter der Abi-Bratwurst anstand (Bild unten im Hintergrund): So kann ein Kunst-Außeneinsatz auch laufen.


Neben bunten Schuhen und gesprenkelten Kleidern durften wir eines Morgens ein besonders prächtiges Exemplar von Vandalismus vulgaris erleben. Zum Glück war Kreide abwischbar.


Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Wetter-Apps. Meine hatte für unseren Projektauftakt Regen vorhergesagt, und so kam es dann auch. Eigentlich hatte ich geplant, im Trockenen an den Schablonen weiterzuarbeiten. Doch ich hatte meine Pläne ohne meine Schüler gemacht. Wofür hatte man schließlich Regenjacken und einen überdachten Fahrradunterstand?





 

2. Vorbereitung


2.1. Ideensuche

Das Semesterthema 2022/2 lautete "Arbeit und Freizeit", also hatte der Kurs zur Einstimmung Mindmaps und Moodboards zu den beiden Begriffen erstellt. Im Laufe der Zeit hatte sich unser Fokus auf den Kerninhalt "Freizeit" verlagert - vom Thema "Arbeit" hatten wir schließlich im Alltag schon genug.


Mindmaps, Moodboards und Timelines aus den Reflexionen von Pauline I., Jule M., Evelin K. (3x), Henrike P. und Julia H.; zur vollen Ansicht bitte auf die Bilder klicken.



2.2. Arbeitsauftrag, Phase 1: Erstellung individueller Konzepte


In Zusammenarbeit mit Herrn Professor Heinen* erstellt; kann gern heruntergeladen werden!

ArbeitsauftragGraffiti_Konzept_Tangian_2022
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Download PDF • 977KB

Projektreflexion von Jule M.; weitere Reflexionen im Beitragverlauf

Jule_ReflexionGraffiti
.pdf
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2.2. Analoge Skizzen

Zuerst hatten Schüler vollkommen ergebnisoffen alles skizziert, was ihnen unter die Augen kam. Dadurch sollte überprüft werden, ob der bildrhetorische Produktionsprozess, wie er seit der Antike beschrieben wurde, heute noch seine Gültigkeit hatte (s. Arbeitsauftrag). Um die Kreativität der Schüler anzukurbeln (und weil das Wetter Ende März so schön war), gingen wir an einem Freitag Eis Essen... äh, ich meine zeichnen. Der pittoreske Marktplatz von Stadthagen aus der Epoche der Weserrenaissance bot dafür eine filmreife Kulisse. "So jung kommen wir nicht mehr zusammen," hatte ich diese denkwürdige Aktion genannt (und sie im Kursheft zu einem mehrdeutigen SJKNMZ abgekürzt). So wurde der Grundstein zur riesigen Motivsammlung gelegt, aus der wir später gemeinsam schöpften.


Bleistiftzeichnungen von Hanna P.; 25.03.2022: "So jung kommen wir nicht mehr zusammen"; Zeichnungen von Andrei S., Jolin N. und Jannis Z.; Gruppenbesprechung der Ergebnisse



2.3. Besuch des Graffiti-Künstlers #Kartel

Zur Vorbereitung unseres Graffiti-Projekts hatten wir einen Experten ins Boot geholt: An einem Donnerstagnachmittag besuchte uns der Graffiti-Künstler Eugen alias #Kartel (auf Instagram hier zu finden). Eugen schaute sich die Beschaffenheit unserer Garage an und versorgte uns mit Tipps zum Sprühen und zur Umsetzbarkeit einzelner Motive.

Dieser Besuch war für den Kurs ein wichtiger Input gewesen, was nicht nur an Eugens eindrucksvollen Graffitis, sondern auch an der Arbeitsmethode lag: Anstatt ewig zu brüten und zu planen, nutzte er den Drive eines Spontaneinfalls und ließ sich davon tragen. Das erhöhte den Fun-Faktor, beugte Kopfschmerzen vor und sorgte für originelle Bildideen: eine Win-Win-Win-Situation.




2.4. Digitale Entwürfe: Auf der Suche nach der verlorenen Form

Der Besuch von #Kartel hatte deutlich gemacht: Weniger war auch bei Graffiti mehr. Einerseits erzeugt die formale Reduktion eine stärkere Fernwirkung, andererseits war sie technisch leichter zu realisieren als unsere viel zu detaillierten Entwürfe. Einige Schüler hatten ihre Bleistiftskizzen daraufhin auf iPads überarbeitet und in klare, monochrome Farbfelder eingeteilt. Ebenfalls von #Kartel inspiriert: die bewusst eingeschränkte Farbpalette sowie die spielerische Einbeziehung von Negativformen, wie sie sich auf vielen Entwürfen wiederfanden.


Oben: Street Art von #Kartel (Faust-Gelände in Hannover, Foto @Volker Kemmling); unten: digitalisierte Skizze von Evelin K., zeichnerisch wie farbig an #Kartel angelehnt


Entwürfe von Anett H., Jona S., Helen G., Andrei S., Hannah S., Nina S. und Sanam S.




2.5. Das 3D-Modell der Garage

Gleich zu Beginn des Projekts hatte Maxime F. ein 3D-Modell der Garage erstellt. Im Folgenden hatte es uns sehr gute Dienste geleistet, denn wir konnten darauf immer neue Entwürfe projizieren und auf diese Weise ihre Gesamtwirkung sowie die Übereckansichten überprüfen. Unter 4.5. kann man den finalen 3D-Entwurf einsehen.




 

3. Konzept


3.1. Bestandsanalyse

Bevor die vielen Skizzen und Ideen in komplexere Wandentwürfe umgesetzt werden konnten, hatten wir eine klassische Ortsbegehung samt Bestandsanalyse durchgeführt. Dabei stellten wir fest: Die vier Garagenseiten waren extrem unterschiedlich und brachten vier völlig verschiedene Problemstellungen mit sich.


I) Die zur Schule ausgerichtete Seite hatte links eine Metalltür, welche die Wand in zwei ungleiche Hälften teilte; dazu lag sie dauerhaft im Schatten und war größtenteils von Müllcontainern verdeckt. Zwar sollten sie wegen Brandschutzgefahr zeitnah woanders aufgestellt werden, doch niemand konnte uns sagen, was "zeitnah" konkret bedeutete.



II) Die Seite, die links daran anschloss, wurde von zwei Garagentoren dominiert. Weil sie zwei eigenständige Querformate bildeten und dazu noch geriffelt waren, gestaltete sich die Arbeit daran als besonders schwierig. Direkt davor befand sich der Hauptausgang zum Pausenhof. Somit war dieser Bereich am meisten frequentiert. Hinter dem linken Tor lagerten die ausleihbaren Spielgeräte, die vor allem bei jüngeren Schülern beliebt waren. So kam die Idee auf, den Fokus unseres Graffitis auf das Thema "Spiel" zu legen.


III) Die Hofseite der Garage war von weitem einsehbar. Theoretisch hätte sie eine starke Fernwirkung haben können, doch praktisch wurde sie links von einem riesigen Metallcontainer überlagert, der auch "zeitnah" weg sollte (suspense, suspense), und rechts - von einem ebenso riesiger Schmetterlingsflieder. Im Herbst wurde der Busch routinemäßig zurückgeschnitten, doch im Sommer erreichte er eine beeindruckende Größe. Weil daran nicht zu rütteln war ("Der Busch bleibt!" hatte der Hausmeister gesagt. "Man kann hier Schmetterlinge beobachten."), hatten wir beschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen und eine Komposition zu erarbeiten, die dem Versteckspiel mit dem Busch gewachsen war.



IV) Und schließlich war da noch die Rückseite der Garage. Bei unserer ersten Ortsbegehung konnten wir allerdings nur zwei kleine Oberfenster erkennen. Denn davor türmte sich der Sperrmüll ("Irgendwo muss er ja hin!") und wuchsen meterhohe Brennesseln ("Vorsicht, Zecken.") Der Ort war derart dunkel und unpassierbar, dass sofort der Plan gereift war, ihn maximal aufzuwerten. Aber wie? Die einen schlugen vor, dort den Eingang zu einer imaginären Disco anzutäuschen, die andere wollten neugierige Kinder darauf sprühen, die durch die Fenster spähten, mir schwebte eine romantische Knutschecke vor ... Wir hatten viele tolle Ideenund dann kam wieder alles anders als gedacht.




Oben: Skizzen von Anett H.


 


3.2. Vier Seiten, vier Konzepte


Kunsthistorisches Museum Wien (Detail)

Nach und nach kristallisierte sich bei unserer Motivsuche ein roter Faden heraus. Zum einen wollten wir unsere Farbpalette auf die Fassadenfarben der SchuleZiegelstein-Rot und Dunkelblauabstimmen. Zum anderen sollte auf jeder Garagenseite mindestens ein Kunstzitat vorkommen: einerseits, um unserem Selbstanspruch als Kunst-LK gerecht zu werden, andererseits, um bei den Mitschülern für einen kleinen Aha-Effekt zu sorgen. Und schließlich hatten wir bei unserem Semesterthema Freizeit den Fokus aufs Spiel verlegt. Schließlich handelte es sich bei der Garage um einen Spielgeräteverleih, der sich obendrein mitten auf einem Pausenhof mit all seinen Spielaktivitäten befand. Die Kinderspiele von Pieter Bruegel dem Älteren (1560; oben: Detail) wären hier ein passendes Kunstzitat gewesen, doch leider hatte das Bild bei den Schülern keinen Wiedererkennungswert, also mussten wir nach etwas Bekannterem suchen.



3.2.1. In Gedenken an Max

Während wir noch an den Konzepten saßen, ereignete sich Ende Mai ein tragischer Unfall: Der Zwölftklässler Max W. verunglückte tödlich mit seinem Motorrad. Seine Freunde, sein ganzer Jahrgang, die gesamte Schulgemeinschaft waren zutiefst erschüttert. Tagelang stand die Schule still. Auch wenn Max nicht in meinem Kunst-LK war, kannten ihn die meisten meiner Schüler seit der fünften Klasseund ich auch. Die Tage nach dem Unfall befanden wir uns alle in einer Stockstarre. Es war einfach unvorstellbar, dass Max nicht mehr da war. Die Sonne schien, der Frühling war im vollen Gange. Max fehlte.


Oben: Jolins digitale Skizze nach einem Foto von Max


Eines Tages kam Jolin mit einem Vorschlag: Wie wäre es, wenn wir Max auf unserem Graffiti mit abbilden würden? Schließlich sollte es das Abi-Monument des zwölften Jahrgangs werden, und Max war ein Teil davon. Jolins Vorschlag stieß sowohl bei unserem Kurs als auch bei den Eltern von Max auf große Zustimmung. Schnell war klar: Bei aller Tragik sollte Max auf seinem geliebten Motorrad dargestellt werden. Für seine Freunde sowie seine Eltern gehörte es zu Max. Das Biker-Motiv würde für alle, die Max nicht kannten, einen anonymen Motorradfahrer darstellen und sich in das Gesamtkonzept der Freizeitaktivitäten einfügen. Für Max' Freunde aber würde dieses Bild Max in Erinnerung rufen.


Oben: Vincent van Gogh: Sternennacht, 1889, MoMA, New York (Detail); unten: Evelins Entwurf


Wir machten uns ans Werk. Als erstes hatten wir darüber nachgedacht, welche landschaftliche Umgebung und welches Kunstzitat zu diesem emotionalen Thema passen würden. Sie sollten eine melancholische Grundstimmung ausstrahlen und gleichzeitig Weite und Freiheit suggerierenGefühle, die Max mit Motorradfahren verband. Im Plenum schlug Kristof vor, die Sternennacht von van Gogh aufzugreifen: ein berührendes Werk mit organischen, kreisenden und vibrierenden Formen und einer dunklen Farbpalette, wie sie dem Anlass entsprachen. Jolin und Evelin, ab sofort unser "Team Motorrad", setzten diese Motive zuerst in Entwürfen und später als Graffiti um. Dabei hatten sie die gelben van Gogh-Sterne sowie die neongrünen "Monsters"-Streifen auf Max' Helm mit phosphoreszierender Farbe ausgesprüht. Sie sollten später im Dunkeln leuchten und an Max und seine lange Reise erinnern.




3.2.2. Die zwei Tore

Die zwei Tore: Das, was wie der Titel eines Fantasy-Blockbusters klang, hatte uns im Vorfeld viel Kopfzerbrechen bereitet. Es fing mit dem komplizierten Reinigen, Abschleifen (!) und Grundieren von Metalloberflächen an; zusätzlich mussten alle Hintergrundfarben extra als Lackvariante angemischt werden. Dann die zweigeteilte Komposition: Einerseits sollten die beiden Querformate miteinander harmonieren, andererseits sollten sie individuelle Lösungen bieten. Und schließlich die Riffelung der Tore, die jede präzise Linienführung erschwerte! Es war zum Verzweifeln.

Dachte ich jedenfalls. In Wirklichkeit hatten wir gerade für diese kniffelige Stelle am schnellsten eine Lösung parat. Ausgehend von unserer Doppelbild-Prämisse hatte Maxime F. Michelangelos Hände als Kunstzitat vorgeschlagen (Gottvater erweckt Adam per Gottesfunken zum Leben, s. unten). Pia K., die zu Hause in Quarantäne festsaß, spielte uns per Teams eine geniale Problemlösung zu: Sie ließ die Riffelung Riffelung sein und funktionierte sie zu Tetris-Steinen um. Maxime visualisierte diese Idee digital - ein weiteres Beispiel für eine gelungene Zusammenarbeit, die übrigens ironischerweise genauso kontaktlos und Corona-konform abgelaufen war wie bei Michelangelo.


Wie alles begann: Aus der Bildidee von Maxime F. (feat. Michelangelo; oben) und dem Tetris-Vorschlag von Pia K. ist das rechte Tormotiv entstanden


Das rechte Tor stand also fest; jetzt brauchten wir eine Lösung für das linke. Tetris gehört zu den ältesten Computerspielen überhaupt und ist heute noch populär. Nun sollte als Pendant dazu ein älteres analoges Spiel her, das heute denselben Kultstatus genießt. Die Wahl fiel auf das Spiel "Vier gewinnt" (oben). Doch kurz vor der finalen Umsetzung zauberte Andrei S. eine Alternative aus dem Hut. Seit unserer ersten Skizzenbesprechung geisterte "sein" Spiderman durch unsere Konzepte (vgl. 2.2.). Zwischenzeitlich schien er vergessen doch nicht mit Andrei! Mit ein paar Klicks und etwas Farbe hatte er die Hand von Adam in die von Spiderman verwandelt und sie um eine Schachfigur ergänzt. Andreis Sitznachbarn waren sogleich inspiriert; gemeinsam sponnen sie an der Spinnenmann-Idee weiter, bis uns mehrere Tor-Varianten vorlagen. Am Ende wählten wir aus den vielen denkbaren Schachfiguren die des Bauern, stand sie doch stellvertretend für viele weitere analoge Spiele. Nun reichten sich auf unseren zwei Toren das analoge und das digitale Zeitalter die Händewenn das kein Fantasy-Blockbuster war!


Oben: Maxime beim Sprühen; unten: Spiderman-Variationen von Andrei S., Nele Z., Sanam S. und Jannis Z. (x2)



3.2.3. Die Hofseite: Gamechanger Ball und Playboy David


Sanam S. und Ömer B. finalisieren den Ball, den Anett entworfen, das Jungs-Team skizziert und vorgrundiert und Paul T. schließlich gesprüht hat: eine echte Teamarbeit.

Zum Gamechanger unserer Konzeptphase wurde der überdimensionierte Ball, den ein Schüler im Netz gefunden und im Plenum vorgestellt hatte (Bild unten). Vorher waren die meisten Schülerskizzen stark umrissbetont, überladen, perspektivisch und proportional zwar schlüssig, aber gerade deswegen recht konventionell. Der formatfüllende Ball hatte wortwörtlich neue Maßstäbe gesetzt. "Think big", lautete ab sofort die Devise: Zwar blieben einzelne Motive weiterhin naturalistisch, doch ihre scheinbar beliebige Anordnung auf der Fläche und ihre teils riesenhaften Dimensionen (Ball ca. 3 Meter ⌀; David: 2,20 m von Kopf bis Wade) wirkten nun collagenhaft und surreal.

Dabei sollte sich später herausstellen, dass unser Gamechanger einem Missverständnis zu verdanken war: In Wirklichkeit hatten wir keinen formatfüllenden Ball, sondern nur eine Detailaufnahme aus einer überladenen und comichaften Komposition gesehen, wo der Ball nur eine Statistenrolle spielte (s. Link).

Ob Missverständnis oder glückliche Fügung, der Ball hatte unser Projekt maßgeblich geprägt. Während andere Motive später kamen und gingen, blieb er bis zum Schluss fast unverändert. Zum einen, weil er stellvertretend für unser Thema "Freizeit & Spiel" stand und einen klaren Ortsbezug zum Pausenhof und seinen Ballspielen herstellte. Zum anderen, weil er bestens mit unserem Endgegner, dem Busch, interagierte. Selbst im Sommer konnte er sich gegen ihn als Sieger durchsetzen; für die Zeit nach dem Buschrückschnitt im Herbst versprachen wir uns eine noch spannendere Spielsaison.


Oben: Ein Netzfund, der zum Gamechanger wurde (s. Link). Unten: digitale Entwürfe von Evelin


Die Projektreflexion von Evelin K.

EvelinK_Reflexion
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Tipp: Um besonders fein zu arbeiten, konnte man die Graffiti-Farbe auch in einen Deckel sprühen, sie auf Wunsch mit anderen Graffiti-Farben mischen und mit einem Pinsel vermalen (Bild unten). Sollte sie zu dick sein, konnte man sie mit Terpentin(-ersatz) verdünnen.

Team David in Aktion: Anett H. beim Anmischen der Farbe

Zwar hatten wir uns recht früh auf den Ball festgelegt, doch bis der Entwurf für die gesamte Hofseite feststand, sollte es noch eine ganze Weile dauern. Mehrere Schüler hatten sich daran versucht, so auch Evelin K., deren künstlerisch überragende Kompositionen (oben) immer wieder einen konzeptuellen Haken hatten: Mal war der Bezug zur Schule zu gering, mal stand der Busch im Weg, mal fanden die Mitschüler das Motiv unpassend. Dieses starke Aussieben der Entwürfe hatte einzelne Schüler ziemlich frustriert, wie es sich später in einigen Reflexionen zeigte. Verständlich - andererseits bei 27 Schülern wohl unvermeidlich. Und viele Motive hatten es auf Umwegen doch noch auf die Garage geschafft, obwohl sie ursprünglich ausrangiert wurden - etwa der Spiderman von Andrei (oben) oder der Sprayer von Jona S. (unten).


Im Fall von Evelin waren es die geschwungene Klaviertastatur, die Optik einer Wärmebildkamera und der Indigo-Ton des Hintergrundes. Allerdings wurde ihr Seifenblasen-Mädchen durch einen Seifenblasen-David ersetzt: So haben die Oberstufenschüler (und vor allem -schülerinnen) etwas zum Gucken, der Schwerpunkt der Komposition hatte sich im Vergleich zum Seifenblasenmädchen nach oben verlagert und war dadurch besser sichtbar, und außerdem stellte Michelangelos David ein wiederkennbares Kunstzitat dar, wie es das Gesamtkonzept erforderte. Eine witzige Pointe dabei: Der eigentlich marmorne David wirkte dank seiner Wärmebildkamera-Optik wie zum Leben erweckt. Ob Schüler darin den gegenderten Pygmalion-Mythos erkannten, sei dahingestellt. Der informierte Kunstkenner genoss und schwieg.


Oben: "You never spray alone", Klappe die 13.: Nina S. hatte die Seifenblasen konzipiert und die Schablonen dazu erstellt; in den Ferien wurden sie gemäß ihren Entwürfen von Pia K. umgesetzt.

Unten: David-Genese: David von Michelangelo, nur echt in Florenz; Evelins Seifenblasen-Mädchen und ihre Inspirationsquelle: Wärmebildkamera-Motiv auf ihrem Pulli; Jule M. zieht David in ihrem Moodboard als erste in Betracht; finaler Entwurf von Anett H., von Hanna P. optimiert und mit Klaviertastatur ergänzt



3.2.4. Die Muschel

Schon der Schriftsteller Vladimir Kaminer wusste: Eine Muschel konnte alles sein, man musste sie nur entsprechend benennen. Und so hatte auch Botticellis Muschel verschiedene Stationen durchlaufen, bis sie als ein Selfie-Hintergrund auf unserer Garage landete. Doch der Reihe nach:

Wie schon geschrieben, stellte die Garagenrückseite eine Herausforderung dar. Zugestellt und zugewachsen schlummerte sie seit Jahren in einem Dornröschenschlaf. Keiner schien sich für sie zu interessiere, bis wir kamen und beschlossen, ausgerechnet sie zur Hauptattraktion unserer Schule umzuwidmen, zu einem Besuchermagnet, Touristen sollten in Bussen nach Stadthagen kommen, um sich vor dieser Wand fotografieren zu lassen. Challenge accepted! In Zeiten von Insta & Co war theoretisch alles möglich, und wo ein Wille war, war auch ein Entwurf.


Oben: Kreide-Vorzeichnung der Muschel (danke @ Professor Heinen); unten: #globalangelwingsproject von Colette Miller, 2012 in Los Angeles entstanden, heute Insta-Pilgerstätte

Oder vielmehr ganz viele Entwürfe. Allerdings waren sie zu unspektakulär, um ganze Influencer-Busse nach Stadthagen zu locken. Um diese dunkle und enge Ecke zum Strahlen zu bringen, musste schon ein ganzes Feuerwerk gezündet. Doch wie der Zufall so wollte, fiel mir just in dieser Konzeptphase eine Verpackung in die Hände, deren schlichte, aber effektvolle Neonröhren-Ästhetik das nötige Leuchten versprach (Bild unten). Bingo! Jetzt brauchten wir nur noch ein wiedererkennbares Kunstzitat, das zum Selfie-Machen animierte, und fertig war der Fotospot.

Doch welches Motiv sollte es sein? Vor einiger Zeit hatte Josephine E. die Venus von Botticelli ins Spiel gebracht. Deren manieriertes Posen hatte Kristof B. dazu inspiriert, die Muschel als eine Selfie-taugliche Bühne zu inszenieren: Jeder sollte darauf (oder vielmehr davor) seinen Starauftritt bekommen. Um nicht nur die Muschel, sondern die ganze Wand instagramable zu machen, steuerte ich das Wortspiel "Wirf dich in Schale" bei. Mit Hashtag versehen und zusammengeschrieben hatte unser #wirfdichinschale das Potenzial, zum neuen Trend im Insta-La-La-Land zu avancieren.


Innerhalb einer Woche hatte das "Team Muschel", bestehend aus Tanja A., Kristof B., Josephine E. und Helen G., mehrere Wandkonzepte entwickelt. Auf einem davon hatte sogar der Spiderman einen kurzen Gastauftritt. Doch am Ende hatten wir uns auf zwei Hauptmotive beschränkt: Botticellis Muschel und die Große Welle von Hokusai, ein weiteres Schlüsselwerk der Kunstgeschichte. Dank der Großen Welle, die der Harmonie wegen gleich zwei Mal abgebildet wurde, saß die Muschel nicht mehr auf dem Trockenen, und dank ihrer grellen Neonröhren holte sie einen Hauch Las Vegas ins Schaumburger Land. Jona S. hatte aus all diesen Ideen einen digitalen Entwurf komponiert, Henrike P. und Pauline I. hatten am Schriftzug von "Wirf dich in Schale" gefeilt, Julia H. hatte ihn optimiert, Marie C., Josephine E. und Pia K. hatten Schablonen dazu angefertigt und Julia H., als unsere frisch gekürte "Schriftbeauftragte", den Satz an die Wand gesprüht - with a little help from my friends hatten wir schließlich auch diese widerspenstige Garagenseite bezwungen.


Zur Selfie-Aktion #wirfdichinschale habe ich einen eigenen kleinen Beitrag verfasst, mit den ersten Selfies und einer Gebrauchsanweisung. Bitte hier klicken.


Sandro Botticelli: Die Geburt der Venus, ca. 1485/86, Uffizien, Florenz (oben: Detail); Katsushika Hokusai: Die große Welle vor Kanagawa, 1830-32, Nationalmuseum Tokio; Entwürfe von Josephine E., Kristof B., Jona S. und Julia H. (einschließlich Schrift-Versuche und Timeline)


3.3. Das finale 3D-Modell


Maximes Animation des finalen Garagenentwurfs




 

4. Die Dose macht es! Graffiti-Praxis


4.1. Probesprühen direkt an die Wand - "Wird eh übermalt!"

Nachdem wir wochenlang im schattigen Souterrain der Kunsträume gebrainstormt hatten, ging es Ende Juni ins Freie. Endlich strahlende Augen! Da die Garage sowieso überstrichen werden sollte, konnten wir alle Hemmungen fallen lassen und direkt auf die Wand probesprühen. Denn nur so konnte ermittelt werden, mit welchen Caps und wie präzise man sprühen konnte, wie schnell man dabei die Hand führen musste, wie weit man beim Sprühen zurücktreten sollte, welche Farbe in natura wie wirkte, und wie man es vermied, sich damit vollzusprühen - es gab eben Fragen, die nur empirisch geklärt werden konnten.



Probesprühen: Wie gehe ich es an?


Rückblickend würde ich raten, so früh wie möglich mit dem Probesprühen anzufangen, am besten gleich in der ersten Stunde, damit jeder gleich abschätzen kann, wie (wenig) detailliert beziehungsweise umrissbetont er seine Entwürfe anlegen sollte. Außerdem lernt man so am besten die Stärken dieses Mediums kennen: fließende Verläufe, intensive Farben, stark zufallsabhängige und dadurch sehr lebendige Linienführung ... Was wir im Vorfeld nicht ausprobiert hatten, was ich aber im Nachhinein empfehlen würde: Probesprühen mit Stencils (Schablonen), wie ich es bei der BDK-Fortbildung kennenlernen durfte (unten). So hätten wir beim finalen Sprühen mit Stencils weniger trials und noch weniger errors gebraucht.  

Fürs Probesprühen sollte in etwa eine Dose pro Person kalkuliert werden. So sind gleich alle Mitwirkende eingebunden. Allerdings kostet eine Dose ca. 4 Euro und ist schnell verbrauchtbei 27 Schülern ein teurer Spaß, um "mal eben" eine neue Technik kennenzulernen.   

Theoretisch kann man Papier auf den Boden legen und stehend von oben probesprühen. Allerdings verfälscht die Schwerkraft die Ergebnisse: Der Strahl wirkt weniger diffus, die Farbe tropft stärker ... Wenn man also den Ernstfall proben möchte, sollte man es lieber mit einem senkrechten Träger aufnehmen. Von Graffiti-Künstlern #Steinmetz hatten ich den Tipp bekommen, eine Rolle Frischhaltefolie zwischen zwei Bäumen zu spannen. Denn (und jetzt kommt eine richtig gute Nachricht): Die Sprühfarbe hält praktisch auf jedem Untergrund, bombenfest und jahrelang. Das freut natürlich den Hausbesitzer.

Info für die Schulcommunity nach unserem Probesprühen: "Coming soon" = "nein, es wird nicht so bleiben" (und: "Fingr weg von unserer Wand!")



4.2. Exkurs: BDK-Fortbildung mit Franziskus und Johannes #Steinmetz

Um mich auf die Praxis vorzubereiten, hatte ich im Vorfeld eine Street-Art-Fortbildung des BDK Niedersachsen besucht (danke für die hervorragende Organisation @ Anna H. Frauendorf). Die Veranstaltung richtete sich an Graffiti-interessierte Kunstlehrer und wurde von den Brüdern Fanziskus und Johannes #Steinmetz aus Braunschweig durchgeführt. Hier erfuhr ich, dass "Graffiti" strenggenomen reine Schriftbilder meinte (von Graffito, ital.: Inschrift). Trotzdem war ich im Folgenden beim Begriff "Graffiti" geblieben, weil er sich umgangssprachlich für jede Art von Sprühbildern eingebürgert hatte - und weil er weniger hochtrabend klang als "Street Art". Weitere Infos und Tipps der Brüder #Steinmetz waren später in unser Garagenprojekt und auch in diesen Beitrag eingeflossen. Einmal mit Profis arbeiten!

Unten: "Die große Welle" von Hokusai und mein Versuch, daraus im Rahmen der Street-Art-Fortbildung ein Stencil zu machen.



4.3. Graffiti-Material: die Basics. Fragen und Antworten


Warnung an alle Graffiti-Experten: Scrollt bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen! Meine Tipps richten sich an blutige Graffiti-Anfänger und werden euch bestenfalls zum Schmunzeln bringen.


Welche Graffiti-Farbe brauche ich?

Es gibt auf dem Markt viele Sprühfarbenhersteller, wobei Montana Marktführer zu sein scheint. "Wenn eine Dose deutlich mehr als 4 Euro kostet, ist sie zu teuer - und qualitativ minderwertig," hatten uns die Brüder #Steinmetz erklärt. Und tatsächlich (ich hatte sie verglichen): Während die Sprühfarbe aus dem Baumarkt circa 8 Euro kostete und nur wenig Auswahl bot, kosteten professionelle Graffiti-Farben genau die Hälfte und verfügten über eine riesige Farbpalette in bester Deck- und Leuchtkraft. Unlogisch, aber wahr.  

Bei den Sprühdosen-Typen unterschied man zwischen High Pressure (z. B. Montana Black) und Low Pressure (z. B. Molotow). Laut #Steinmetzt war die Low Pressure-Farbe etwas besser für Anfänger geeignet, weil sie weniger schnell und dadurch kontrollierbarer aus der Dose schoss. Allerdings hatten wir sowohl bei der BDK-Fortbildung als auch später bei unserem eigenen Projekt überwiegend Montana benutzt und nur gute Erfahrungen damit gemacht. Und nein, ich bekomme keine Prozente oder Vergünstigungen von den hier empfohlenen Materialherstellern (warum eigentlich nicht?).  

Wo kann ich mein Graffiti-Material kaufen?

Zum einen gibt es in jeder Stadt Fachgeschäfte, die sich auf Graffiti-Bedarf spezialisiert haben. Wie klein und trotzdem gut sortiert sie sein können, habe ich im "Writers Corner" in Hannover erlebt: Das Ladeninnere war kaum größer als "unsere" Doppelgarage, hatte aber alles da, was man zum Sprühen braucht (Bilder unten). 

Zum anderen lassen sich Graffiti-Materialien - wie alles andere auch -  per Internet bestellen. Ich persönlich habe sehr gute Erfahrungen mit dem Lieferanten www.stylefile.de gemacht (s. auch Kapitel 5, "Nützliche Adressen"): Dort kostet eine Montana-Black-Dose 4,10 Euro; ab 12 Dosen gibt es Mengenrabatt. Die Lieferzeit beträgt allerdings die üblichen 3-5 Werktage: Vollkommen okay, wenn man seine Großbestellung frühzeitig aufgibt, aber für den Fall, dass man mitten in einem Projekt steckt und die Farbe plötzlich ausgeht, kann es nicht schaden, die Adresse des nächstgelegenen Graffitiladens zu kennen.

Wieviel Farbe brauche ich?

Ganz ehrlich? Keine Ahnung. Die Faustregel lautet: Eine Dose (400 ml) deckt ca. 2 qm Wandfläche ab. Aber so läuft es beim Graffiti-Sprühen nicht. Vielmehr sprüht man in Schichten, mal transparent, dann wieder deckend, mit Überlappugen, einige Flächen spart man ganz aus ... Es ist also: kompliziert. Für unsere Doppelgarage habe ich nach und nach etwa 180 Dosen (!) geordert, wobei am Ende noch einige übrig blieben. Aber das nächste Graffiti-Projekt kommt bestimmt! Fazit: Ich würde empfehlen, sich vorsichtig heranzutasten und im Zweifel Farbe nachzubestellen.

Was ist mit Caps?

Logischerweise benötigen Sprühdose Sprühköpfe, man nennt sie Caps. Beim Auspacken meiner ersten Montana-Bestellung hatte ich mich zuerst erschrocken: Die Dosen waren ohne Deckel gekommen! Und ohne Caps! Eine Graffiti-erfahrene Schülerin beruhigte mich umgehend: Die Dosen seien durch Vorlegescheiben gesichert; bevor man Caps darauf steckte, musste man sie entfernen. Die Caps wiederum lagen lose in den Kartons herum. Okay, so ging es natürlich auch ... Aber gar keine Deckel? Wie sollte man die Dosen transportieren? Offenbar rechnete man bei Montana damit, dass man sie gleich beim ersten Einsatz vollständig versprühte. Bei Molotow interessanterweise nicht: Deren Dosen hatten durchaus einen Deckel. Backten Molotow-Kunden kleinere Brötchen oder waren sie einfach nur weniger größenwahnsinnig als die Montana-"Live-fast-die-young"-Kunden? Diese Frage musste vorerst unbeantwortet bleiben. 

Gleich bei unserer ersten Sprühsession hatten wir verschiedene Caps ausprobiert. Die mitgelieferten Standard-Caps hatten einen guten, relativ dünnen Strahl. Diese hatten wir im Folgenden überwiegend benutzt. 

Die Fat Caps, die ich zusätzlich bestellt hatte, hatten sich für unsere Zwecke nicht bewährt: Ihr Farbstrahl glich einem Nebel, nur wenig Farbe kam auf der Wand an. Aber vielleicht hatten wir uns blöd angestellt? 

Die Skinny Caps dagegen waren sehr hilfreich, vor allem wenn es um Feinheiten wie Lichtreflexe oder Schriftzüge ging. Hier musste man allerdings die Hand schneller führen, damit die Farbe keine Tropfen bildeten und zu laufen begann. Abschließend sei angemerkt, dass Caps Einwegprodukte sind: Für jede neue Dose braucht man ein eigenes Cap, entsprechend musste ich Skinny Caps mehrfach nachkaufen. 

Um die Lebensdauer der Caps und der Dosen etwas zu verlängern, sollte man sie übrigens nach jedem Einsatz über Kopf "freisprühen" und dabei so lange auf den Cap drücken (ohne dabei loszulassen), bis keine Farbe mehr nachkommt. Ganz wichtig! Denn ansonsten verkleben sie und sind nicht mehr brauchbar.

Was brauche ich noch?

Zum Vorzeichnen kann man Kreide oder auch Sprühkreide (Bild ganz unten) benutzen. Die Handhabung ist dieselbe wie bei der regulären Sprühfarbe: Man arbeitet stehend, mit Abstand zur Wand, was großformatiges Vorzeichnen erleichtert. Allerdings ist Sprühkreide bei Metalloberflächen eher kontraproduktiv, schließlich müssen diese staubfrei und sauber bleiben. Daher sollte auf Metalltoren, -türen etc. lieber mit herkömmlicher, sparsam dosierter Tafelkreide oder - noch besser - mit Permanentmarkern gearbeitet werden. 


Um scharfe Konturen zu erzielen, reichen Pappschablonen nicht aus, vielmehr müssen die Umrisse mit Kreppband abgeklebt werden. Idealerweise sollten es möglichst breit und nicht vom Discounter stammen, wie in unserem Fall. "Am falschen Ende gespart," hat Jolin trocken angemerkt, als unser Kreppband nach zwei Wochen Sonne und Regen nicht mehr von den Plastik- und Metalloberflächen abgehen wollte (und dort immer noch klebt). Ärgerlich. 


Praktisch dagegen: jede Form von Schutzkleidung: Maleroveralls (bei 5 bis 7 Euro pro Stück und 27 Schülern allerdings recht kostspielig), Schuhüberzieher (die man im Baumarkt kaufen, aber auch selbst aus zwei Plastiktüten und etwas Kreppband basteln kann) und Einweghandschuhe - diese sind besonders wichtig, wenn man mit Stencils arbeitet und sie beim Sprühen festhalten muss. Schwarze Handschuhe, zum Beispiel von Montana (100 Stück für 11 Euro) sind eine gute Investition - und sehen auf allen Fotos super aus. 


"Lieber irgendeine Maske als gar keine Maske," hatte uns #Kartel eingeschärft. Graffiti-Profis benutzten bei ihren langen Einsätzen Atemschutzmasken mit Wechselfilter (ab 40 Euro), aber auch schlichte medizinische Masken sind laut #Kartel schon mal besser als nichts. Einen optimierten Schutz gewährleisteten FFP2-Masken. Und, oh Wunder, hier konnten wir sogar Kosten sparen, denn dank Corona hatte jeder Schüler eine FFP2-Maske zu Hause.  


Wovon wir hingegen Unmengen besorgen mussten, war Pappe. Man konnte einfach nicht genug davon haben, ob zum Probesprühen, Stencils Schneiden oder Bodenabdecken (bloß keine Abdeckfolie nehmen, in Kombination mit Graffiti-Farbe klebt sie an allem wie verrückt!) Mehr zum Thema Pappe unter 4.4. und 4.5. 


Und schließlich benötigt man reichlich Putzzeug: Wassereimer, Spüli, Schwämme (um Kreidevorzeichnungen zu entfernen), Terpentin(-ersatz) und Handwaschpaste, um Lacke und Öle von Pinseln und Händen zu entfernen, Papierhandtücher, Lappen und und und ... 


... und Leitern, so viele Leitern wie möglich, nicht nur zum Sprühen, sondern auch zum Abkleben, Stencils Anbringen und vieles mehr! Wir hatten zum Schluss drei große Leitern, und es waren immer noch zu wenig.  


Das Standardequipment zum Vorstreichen der Wände lasse ich hier aus; die meisten werden wissen, was sie dafür brauchen oder zumindest, wo sie sich dazu beraten lassen können. An dieser Stelle nur so viel: Klar hält die Graffiti-Farbe auf fast jedem Untergrund. Aber hält die darunter verwendete Farbe auch an der Wand? Wenn sie Blasen wirft oder abblättert, geht auch die hochwertigste Graffiti-Farbe mit ihr ab ... 

"Writers Corner" in Hannover: einmal hin, alles drin.


Vorzeichnung mit Sprühkreide direkt auf die Wand, um die Größenverhältnisse zu ermitteln. Anhand dieser Maße hatten wir anschließend unsere Stencils dimensioniert.


4.4. Stencils or not Stencils, that is the question

Eigentlich hatten wir uns im Vorfeld wenig Gedanken darüber gemacht, ob wir mit oder ohne Stencils (= Schablonen) arbeiten würden. Doch im Laufe der Zeit wurde es immer mehr zur Gretchenfrage. Ohne Stencils, freihand sprühend, konnte man wunderschöne, sehr stimmungsvolle Farbverläufe und schwungvolle Linien erzielen. Diese Methode hatte etwas sehr Gestisches, Lebendiges und erinnerte mich persönlich an die Malerei des Informels. Allerdings waren hier keine klaren Umrisse möglich, wie wir sie für die Schrift oder die #David-Figur benötigten. Auch Achsensymmetrie (wie bei der Schachfigur auf dem linken Tor) war freihand kaum zu gewährleisten.


Erste Sprühversuche: Kristof B. freihändig

(oben), Nina S. mit Schablone (unten)

Wie bei den meisten künstlerischen Entscheidungen war es ein bisschen Geschmackssache, ob man lieber spontan und gestisch oder konzeptionell und grafisch arbeiten wollte. Auch ein Mix aus beiden Methoden war möglich. Bei unserem Projekt hatte sich situativ ein Methodenmix ergeben. Method follows idea: Motive, die eine exakte Linienführung erforderten, wurden mit Stencils gesprüht; fließende Verläufe wie bei dem Sternenhimmel à la van Gogh freihändig. Immer dann, wenn beide Methoden zusammenkamen (unten), erzeugten sie spannende Formkontraste, Raumtiefe und stilistische Variation.


Stencil meets Freestyle: Motorradfahrer unter van Goghs Sternenhimmel (Zwischenstand)


Graffiti-Sprayer von Jona (unfertig)

Neben der Frage, "Stencils or not Stencils" stellte sich die Frage, "wenn Stencils, dann woraus". So erzielten Stencils aus Pappe recht diffuse Konturen, weil sie nicht ganz plan an der Wand anlagen und der feine Farbnebel darunter dringen konnte: je dicker die Pappe und je unebener die Wand, desto nebulöser wurde es.

Was nicht unbedingt schlecht war: An einigen Stellen sorgte diese Unschärfe für eine willkommene atmosphärische Wirkung. Außerdem las sie sich wie ein gezielter Banksy-Verweis, vor allem bei der Figur des Sprayers in Kombination mit dem gelben Warnschild daneben ("Das Schild bleibt!" hatte der Hausmeister erklärt. "So sind die Bestimmungen - außerdem kostet das Ding 15 Euro!").

Dabei hatte es das Sprayer-Motiv erst im letzten Moment auf die Wand geschafft. Nachdem die Garage grundiert war, hatten wir festgestellt, dass neben der Tür noch ein schmales Hochformat frei war. Jonas Sprayer, den wir eigentlich - wie so viele andere tolle Motive - nach der ersten Sichtung ausrangiert hatten, bot sich für diese Fläche an. Und weil sein rechter Sprüharm mit dem gelben Schild kollidierte, hatte Jona den Sprayer gespiegelt. Nun war daraus ein autoritätenfeindlicher Linkshänder geworden, der Verbotsschilder verhöhnte und seine Duftnote an öffentlichen Plätzen hinterließ. Sicher wäre diese mehr oder weniger zufällige Banksy-Hommage (Original s. unten) ganz nach dem Geschmack des großen Provokateurs.


Die Entstehung eines Motivs

Finales Motiv, fotografiert in den Ferien; Banksy: "No Ball Games" (London, 2009); Entwürfe, Vorzeichnung und Umsetzung von Jona S., unterstützt von Helen G.


Doch zurück zu den Stencils. Fakt war: Pappe allein reichte für klare Umrisse nicht aus. Vielmehr mussten die Umrisse mit Kreppband nachgezogen und zusätzlich mit Pappstücken abgedeckt werden (s. Bild), denn ohne großflächige Abdeckung entstand um das Kreppband herum ein Sprühnebel-Heiligenschein. Pappe und Kreppband also, man brauchte beides, und zwar in großen Mengen.

Dieses Dreamteam stieß immer dann an seine Grenzen, wenn filigrane Formen benötigt wurden. In unserem Fall betraf es den Motorradhelm und die Schrift auf der #wirfdichinschale-Seite. Für solche Raffinessen war die Pappe zu dick und das Kreppband zu klobig; hier waren Folienstencils gefragt. Diese konnte man sehr sauber zuschneiden - mit Cutter oder mit Skalpell. Danach ließen sie sich sehr plan anbringen und sehr präzise aussprühen. Wie man ein Folienstencil anfertigt, sieht man in meiner Fotostrecke zur #Steinmetz-Fortbildung sowie im Stencil-Tutorial weiter unten.


An dieser Nahaufnahme sieht man, wie sich Sprühfarbe im Normalfall verhält: nebelig. Die eigentlich schwarze Wand ist von Farbpigmenten überzogen, die frei gesprühten Linien (unten rechts) wirken extrem unscharf. Um die Lesbarkeit ihrer Schrift zu erhöhen, hat Julia H., unsere Schriftbeauftragte, mit Folienschablone gearbeitet (türkisfarbenes "in"), und um den Leuchteffekt zu erhöhen, die Mitte der Buchstaben mit einem weißen Molotow-Marker nachgezogen und mit einem Skinny Cap weiße Lichtakzente daraufgesetzt.



4.5. Graffiti-Material: Sonderfall Stencils


Stencils aus Pappe: Vor- und Nachteile

Am einfachsten ist es, wenn man für Stencils Pappe benutzt. Diese ist formstabil, lässt sich leicht mit einem Cutter schneiden und dann mit etwas Kreppband an die Wand kleben, es gibt sie fast überall umsonst, und man kann sie nach getaner Arbeit ganz unkompliziert entsorgen. Je größer das Motiv, desto eher bietet sich Pappe an - oder auch mehrere Pappen. Nachteil: Da die (Well-)Pappe nicht ganz plan und auch nicht luftdicht an der Wand anliegt, sehen die Konturen mal mehr, mal weniger exakt aus. Bei großen Motiven fällt es kaum ins Gewicht. Außerdem macht es meines Erachtens den Reiz dieser Technik aus. Schließlich ist Graffiti kein Malen nach Zahlen! Diesen Effekt kann man verstärken, indem man seine Schablone bewusst etwas anhebt oder stärker andrückt. Doch wer sehr präzise arbeiten möchte, sollte lieber auf Folien zurückgreifen.


Heiß begehrt, aber schwer zu beschaffen sind bei Stencils große Pappformate (ab 1 m Seitenlänge). So etwas hat man nicht mal eben zu Hause, schon gar nicht in der benötigten Menge. Bei unserem Projekt hatte ich im Vorfeld alle Baumärkte der Region abgefahren und sie gebeten, Pappe zu sammeln: Ohne Vorankündigung landeten sie tagein, tagaus in der Baumarkt-Pressmaschine. Abends nach den Sprüheinsätzen fuhr ich die Baumärkte erneut ab und holte die gesammelte Pappe ab. Ein bisschen umständlich - aber dafür gratis.


Und fragt im Baumarkt nach Pappen für Europaletten! Sie werden unter schwere Ware wie 10-Liter-Eimer Wandfarbe gelegt, um sie beim Transport zu schützen, und anschließend entsorgt. Diese Pappen sind schön dünn (in der Regel einwellig) und dazu noch schön groß (Standardgröße der Europalette: 1,20 x 80 cm) - ideale Voraussetzungen also, um daraus große Stencils zu cuttern. Und sollte man einen ganzen Klassensatz benötigen (und noch Budget übrig haben), kann man sie im Internet bestellen, zum Beispiel unter www.karton.eu. Hier kostet eine einwellige Pappe von 780 x 1180 mm ab 30 Stück 2 Euro; kleinere Abnahmemengen sind entsprechend etwas teurer.


Tipp: Pappschablonen lassen sich sowohl als Negativ- als auch als Positivformen benutzen, hier gibt es keinen Verschnitt. So kann man mit der Negativform den Untergrund abdecken und das Innere aussprühen, wie Banksy es tut. Die ausgeschnittene Positivform dagegen kann man zum Probesprühen verwenden und so auf der Vor- und Rückseite verschiedene Farbkonzepte ausprobieren (oben).

Sctencils: Anett überträgt die David-Skizze auf Pappe mit ihrem eigenen Ohrring: So bekommt das Mädchen mit dem Perlenohrring eine völlig neue Bedeutung!

Verschiedene Teams in Aktion: Team David (Anett, Jule und Nèlle), Team Motorrad (Evelin und Jolin, unterstützt von Kristof), Team Ball (Andrei, Jannis, Ömer, Sanam und die Crew), Team Schrift (Henrike an der Pappschablone; Julia, Pauline und Marie; nicht zu sehen: Pia und Josephine)


Stencils aus Folie: Vor- und Nachteile

Wer besonders viel Wert auf klare Kanten legt, kann statt Pappe Folien benutzen: Sie lassen sich extrem präzise schneiden (mit Cutter, Skalpell oder auch (Nagel-)Schere) und beim Sprühen ganz plan auf die Wand kleben, was für scharfe Umrisse sorgt. Darüber hinaus hat die Folie gegenüber der Pappe den Vorteil, dass sie durchsichtig ist: Man kann sie direkt auf seine Vorlage oder sein iPad legen und mit einem Permanentmarker durchpauschen. Finger weg von Folienstiften: Da sie abwischbar bleiben, schmieren sie später beim Cuttern wie verrückt.   

Stencil-Folie darf nicht zu dünn sein, damit sie beim Cuttern nicht reißt; 0,5 mm Stärke sind bei größeren Formaten optimal. Bei kleineren Formaten (DIN A4 oder DIN A3) kann man aber auch ganz normale Overhead- oder Kopierfolien verwenden (0,1 mm dick). Größere Folien in größeren Mengen bestellt man beim Kunststoffhändler, zum Beispiel bei W. Max Wirth. Die PET-Folie in 100 x 70 cm, 0,5 mm dick, kostet hier 4,95 Euro pro Folie (Mindestabnahme 23 Stück; zzgl. Lieferung). Ab 100 Stück ist sie etwas günstiger; Stand Juli 2022.  

Gegenüber Pappe haben Folien durchaus ihre Nachteile: Zum einen sind sie relativ klein und teuer, zum anderen ist das Foliencuttern anstrengend und weniger intuitiv. Und auch nach dem Sprühen sind Folien schwer zu handeln: Während Pappe fast sofort trocknet, bleiben Folien ewig nass, kleben an den Handschuhen, lassen sich weder stapeln noch transportieren und ziehen Staub und Dreck magisch an. Doch das extrem präzise Sprühergebnis rechtfertigt meines Erachtens den Mehraufwand.  



 

5. Nützliche Links und Adressen


5.1. Banksy: eine Mini-Dokumentation für den Einstieg ins Thema

Do it like Banksy: Dieses Video hatten die #Steinmetz-Brüder bei ihrer Street-Art-Fortbildung gezeigt. Ohne Worte - und umso inspirierender. Sehr empfehlenswert, um in das Thema Graffiti zu starten! (Und wenn ihr mal in England seid, haltet Ausschau nach einem weißen, abgerockten Wohnmobil ...)



5.2. Graffiti-Farben & Co bestellen

Ein sehr zuverlässiger und schneller Lieferant für Graffiti-Farben und alles drumherum ist stylefile.de. Hier kann man (fast) alles besorgen: von Farbe über Caps bis hin zu Tools wie Sprühkreide, Dosentasche oder Gasmaske. Lieferzeit: 3-5 Tage, Bezahlung auf Rechnung - kein Problem.




5.3. Graffiti-Zubehör lokal kaufen: bei "Writers Corner" zum Beispiel

In jeder Stadt gibt es einen oder mehrere Graffiti-Läden. Ob Berlin, Hamburg oder München: Jede große (und kleine) Stadt hat ihre eigene Graffiti-Anlaufstelle. Einfach mal googeln, hingehen und sich beraten lassen. In Hannover, wo ich wohne, empfiehlt sich zum Beispiel "Writers Corner", Königsworther Str. 14. Öffnungszeiten & Co findet man hier.