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Lost Places: Aquarell, Larger Than Life


Aquarell: eine blasse, wässrige Farbe, wenig ausdrucksstark, latent kitschig, bestenfalls für kleine Blumenmotive oder schwammige Landschaften geeignet? Mitnichten! Wozu Aquarell alles fähig ist, zeigen die farbgewaltigen, zum Teil sehr großformatigen und kompositionell ganz und gar nicht konventionellen Aquarelle meines 13er Kunst-Leistungskurses.

Das aktuelle Oberstufen-Semesterthema in Niedersachsen lautete "Eingriffe des Menschen in die Natur". Also machten sich meine Schüler auf Motivsuche. Schon bei ihrer Recherche und dann später bei den Bleistift- und Aquarell-Vorstudien haben sie sich mit dem Kräftemessen von Mensch und Natur auseinandergesetzt. Neben den vielen Lost Places, wo der Mensch den Kampf gegen die Natur verloren hat, sind dabei verwunschene Parkalleen, rostige Autokarosserien oder ganze Häuser "on fire" entstanden.



Oben: Gabriel N. (Detail), unten: Moodboard von Jule M.




Umgang mit Fotovorlagen


Einige Schüler haben nach eigenen oder fremden Fotovorlagen gearbeitet, sie neu angeordnet, miteinander kombiniert, verfremdet oder überwiegend auf eigene Fantasie gesetzt. Als Richtlinie galt dabei, dass ein Gemälde gegenüber seiner Fotovorlage stets einen Mehrwert bieten sollte. Es reichte also nicht aus, ein an sich schon gelungenes Foto möglichst naturalistisch abzumalen. Vielmehr sollte die Komposition individuell umgewandelt und malerisch so aufgewertet werden, dass sie das Ursprungsfoto atmosphärisch, farblich und auch motivisch erweiterte oder auch übertraf.

Trotzdem waren Fotovorlagen wichtig und willkommen. Denn sie stellten das räumliche Gerüst, an dem sich Schüler in Folge orientieren konnten. Hätten sie bei ihrem Erstversuch in Aquarell auch noch einen komplexen Raum mit einer einheitlichen Lichtführung und Mehrfluchtpunkt-Perspektive konstruieren müssen, hätte es den Fokus vom eigentlichen Thema Farbe weggerückt.


Jona S.: Gesamtbild (50 x 70 cm!) und Details zum Durchscrollen


"Bei der Farbpalette habe ich drei grobe Richtungen gewählt: Zum einen die Gebäude, welche entweder grau-bläulich oder beige-bräunlich dargestellt sind; zum anderen die Pflanzen, welche sich in verschiedenen Grüntönen über das gesamte Bild verteilen. Zusätzlich habe ich kleine Kontraste in rötlichen Tönen, wie den verrosteten Stahlträger, mit eingebaut. Beim Himmel habe ich mich für ein kräftiges Blau entschieden, um eine bessere Fernwirkung und klarere Abgrenzung zu den blasseren Gebäuden zu erzielen." (Jona S.)

Denn unser Augenmerk galt von vorneherein weniger dem Motiv (das lediglich ein Malanlass war), als vielmehr dem Malmedium Aquarell. Im Hinblick auf die sechsstündige Abiturprüfung, die in wenigen Monaten anstand, bot sich diese Farbe besonders an. Einerseits wegen ihrer Verfügbarkeit: Alle Schüler besaßen nach 13 Jahren Kunstunterricht wenn nicht einen eigenen Aquarell-, so doch zumindest einen Wasserfarbkasten.

Andererseits konnte man mit Aquarell recht schnell und unkompliziert Farbräume erschaffen - vorausgesetzt natürlich, dass man die nötigen Aquarell-Skills beherrschte. Diese hatten wir im Vorfeld in mehreren experimentellen Unterrichtsstunden erprobt. Außerdem konnten die Schüler auf mein Aquarell-Tutorial zurückgreifen und sich dort weitere Tipps, Tricks und Inspiration holen, auch von zu Hause aus. Daher werde ich an dieser Stelle die handwerklichen Aspekte nur streifen, da ich sie schon an einer anderen Stelle ausgeführt habe.


Zum meinem praxisorientierten Aquarell-Tutorial bitte hier klicken:




 

Wie grell darf's denn sein? Ein Farbkasten, zwei Farbpaletten



Zwei Schüler des Kurses, Evelin und Gabriel, hatten sich für ihr Aquarell-Projekt zufällig dieselbe Farbe gekauft: kein Luxusprodukt von Schminke & Co, sondern dessen russisches Low-Budget-Pendant. Mit ein paar geringfügigen Unterschieden (etwa bei den Grüntönen) waren die Näpfchen der beiden Aquarellkästen identisch - und somit auch deren Deckkraft, Farbintensität und Mischverhalten.

Dennoch konnten die beiden finalen Aquarelle unterschiedlicher nicht ausfallen: grelle, aggressive Farben bei Gabriel (linker Farbkasten auf dem Foto oben), zarte, pastellige Töne bei Evelin (rechter Kasten). In beiden Fällen passten die gemischten Farben optimal zum jeweiligen Motiv und trugen entscheidend zur angestrebten Bildwirkung bei. Wie so oft, war das Material auch hier bloß Mittel zum Zweck. Nicht die Farbe als Ausgangsmaterial, sondern deren bewusster, kluger Einsatz beim Mischen und Auftragen sorgt für leuchtende, stimmungsvolle Bilder.



Variante A: Zart, zarter, am zartesten


Evelin K.: Gesamtansicht und Details; zum Vergrößern anklicken



"Zunächst positionierte ich die Skulptur mittig im Bild. Jedoch fehlte mir so die Spannung im Bildaufbau. Daher entschied ich mich dazu, die Skulptur asymmetrisch in den Vordergrund zu platzieren. Weil mir dies noch relativ eintönig erschien, legte ich eine Blickführung fest. Dafür sollten weitere Skulpturen im Hintergrund eine Allee andeuten, die von Sonne bestrahlt wird." (Evelin K.)


Variante B: Es knallt!


Gabriel N.: Gesamtansicht und Details zum Durchscrollen; zum Vergrößern anklicken

50 x 70 cm: Aquarell im Großformat. Im Original noch eindrucksvoller!



"Mir war schon am Anfang klar, dass ich im Großteil des Bildes mit kräftigen Farben arbeiten wollte, zumal dadurch die Wellungen des Papiers auf ein Minimum reduziert werden. So musste ich teilweise über mehrere Stellen mehrmals überpinseln, da beim ersten Mal die Farbe trotz wenigem Wasser immer noch zu blass war, nachdem sie getrocknet war. Bei der Hütte habe ich mir vorgenommen, den architektonischen Realismus zugunsten eines eher außergewöhnlichen Stils zurückzufahren. Auf der rechten Seite habe ich ein nicht genau identifizierbares Objekt platziert, um Interpretationsspielraum zu schaffen." (Gabriel N.)
 

Bald mussten die Schüler allerdings feststellen, dass Aquarell eine faszinierende, aber auch schwierige Farbe war, eine echte Diva unter den Malmitteln. Wurde sie zu stark verdünnt, wurde sie beim Trocknen so hell, dass sie beinah verschwand. Wurde sie zu kräftig aufgetragen, ging die aquarelltypische Leichtigkeit verloren. Denn die Stärke dieses Mediums lag in seiner Transparenz: Erst das Weiß des Papiers brachte die stark verdünnte Farben zum Leuchten. Also mussten sich die Schüler vorsichtig an die Farbe herantasten, um diese Transparenz zu erhalten und dennoch große Papierflächen homogen zu kolorieren. Dabei spielte der Faktor Zeit auch eine Rolle, denn Aquarell trocknet schnell. Hinzu kamen die üblichen Risiken und Nebenwirkungen von Wasserfarbe, die den Schülern aus ihrer Grundschulzeit noch allzu gut (oder vielmehr böse) in Erinnerung waren: Das Verlaufen der Farbe, das Verwellen des Papiers, das übliche Elend also.



Nina S..: Gesamtbild, Details und Vorstudien zum Durchscrollen



"Das Finale Bild fertigte ich hauptsächlich mit Aquarell an, fügte aber zum Ende hin kleine Lichtreflexe durch einen weißen Gelstift hinzu. Um noch mehr Bewegung in das Bild zu bringen, fing ich als letzten Schritt an, stärkere Größen-Kontraste wie z.B. kleine Pflanzen oder Gegenstände hinter den Türbögen einzubringen und verdeutlichte Oberflächen, um Oberflächen-Kontraste, wie zwischen der zerfallenen Mauer und dem Dach des runden Hauses zu schaffen." (Nina S.)


Nuancen, die die Welt bedeuten


Eine weitere Besonderheit von Aquarell ist sein blitzschnelles Versickern im Bildträger, dem Papier. Dies beeinflusst die Farbfeld-Ränder: Trägt man die Farbe auf trockenes Papier auf, sammeln sich am nassen Rand Farbpigmente, sodass jede Farbfläche, groß oder klein, beim Trocknen einen sichtbaren Farbrand erhält.

Ist das Papier dagegen dünn, das Wasser reichhaltig oder die bemalte Fläche besonders groß, sackt die nasse Farbfeldmitte ein und bildet eine Kuhle. Der Schwerkraft folgend, sammeln sich auch dort Farbpigmente. Beim Trocknen entsteht ein dunkler Fleck. Das kann störend sein, muss es aber nicht: Geschickt eingesetzt, können sowohl die dunklen Farbfeldränder als auch die dunklen Farbfeldmitten für interessante malerische Effekte sorgen - und einen Mehrwert gegenüber der Fotovorlage darstellen, was von vorneherein das Ziel war.



Annet H. (70 x 50 cm): Gesamtbild und Details zum Durchscrollen




Will man allerdings diese dunklen Farbfeldränder oder -mitten vermeiden, kann man nass in nass arbeiten: entweder zwei Farbfelder kontrolliert ineinanderlaufen lassen (diese Methode nennt man Lavieren) oder das zu bemalende Papierfeld mit einem sauberen Schwamm leicht anfeuchten. Darauf verteilt sich die Farbe dann homogener.

Alternativ lassen sich die überschüssigen Pigmente mit einem sauberen, leicht angefeuchteten Pinsel wie mit einer Pipette auffangen. Einfach mal ausprobieren! Weitere Tipps zum Farbauftrag finden sich im oben verlinkten Tutorial. Hier werden einige Aquarell-Besonderheiten lediglich angerissen, um auf die besonderen Herausforderungen aufmerksam zu machen, mit denen sich Schüler sehr bewusst und ausdauernd bei ihren Aquarellen befasst haben.



Pia K.: Gesamtansicht, Details und Vorstudien in Aquarell und digital




Bei allen theoretischen und praktischen Tipps und Hilfestellungen halfen schlussendlich nur konsequente Übung und Geduld. Und die zahlten sich aus! Die kann man an den hier vorgestellten Arbeiten und den Schüler-Statements deutlich erkennen. Während die Vorstudien im Unterricht entstanden, arbeiteten die Schüler an ihren finalen Bildern größtenteils zuhause. Dank des Austausches im Unterricht, der Studien und der Fotos der Zwischenergebnisse konnte ich den ca. zweimonatigen Arbeitsprozess begleiten und gegebenfalls mit Rat unterstützen.


Viel Spaß beim Betrachten der Bilder dieser virtuellen Bilderausstellung!



 

Lost Places: Orte mit einer Geschichte


Das Haus des Kannibalen Armin Meiwes

"Der Ausdruck "Lost Place" bedeutet so viel wie "Vergessener Ort". Dabei handelt es sich meist um Bauwerke aus der jüngeren Geschichte, die entweder noch nicht historisch aufgearbeitet worden sind oder aufgrund ihrer geringen Bedeutung kein allgemeines Interesse finden. Das trifft auf meinen Lost Place wenig zu, da dieser aufgrund einer schaurigen Geschichte von der Gesellschaft abgeschrieben wurde. Es handelt sich dabei um das Haus von Armin Meiwes, besser bekannt als "der Kannibale von Rotenburg". Im Jahre 2001 traf sich Meiwes mit Bernd Brandes, einem schwer depressiven Mann, den er über ein online Portal für Menschen mit kannibalistischen Vorzügen kennengelernt hatte. Dieser verspürte den tiefen Wunsch zu sterben und nach seinem Tod gegessen zu werden. Ein Wunsch, den ihm Armin Meiwes erfüllen sollte. Die beiden trafen sich in Meiwes Heimatort um ihre Worte in Taten umzuwandeln (...)" (Paul T.; Aquarell dazu ganz unten.)

Noch mehr Gruselbilder zu Meiwes' Haus unter diesem Link.



Nuklearkatastrophe von Tschernobyl

Jeder hat schon von der Atomkatastrophe von 1986 in Tschernobyl, Ukraine, gehört. Josphine E. und Julia H. (s. u.) haben sich von Bilder inspirieren lassen, die den verlassenen Landstrich um Tschernobyl, heute noch ein Sperrbezirk, wiedergeben. Eine besonders morbide Faszination strahlt dabei der verlassene Ort Prepyat aus, mit seinen leerstehenden Kindergärten, Krankenhäusern oder auch Unterhaltungspark. Die Bilder von diesen Gruselorten gehen um die Welt, doch sie sind nichts für schwache Nerven. Zu allgegenwertig sind die Spuren der Menschen darauf, die ums Leben gekommen oder gleich nach der Nuklearkatastrophe geflohen sind.
"Als Inspirationsquelle meines finalen Bildes diente eine Momentaufnahme des Atomunglücks in Tschernobyl. Diese Bildaufnahme entstand im „Red Forest”, der radioaktivsten Zone der Welt. Insgesamt soll mein finales Bild eine ähnliche Stimmung erwecken. Besonderes Augenmerk liegt auf dem Vergessen-Seins von Orten und Gegenständen menschlichen Ursprungs sowie die Thematik Natur im Wandel der Zeit." (Josephine E.) 

Fotoreportage aus Prepyat von Flo Döhmer (s. auch Bild oben) unter diesem Link

Weitere Tschernobyl-Bilder u. a. hier. Weitere Lost Placs unten in der Link-Sammlung.


 

Julia H.: Gesamt- und Detailaufnahme zum Durchscrollen; zum Vergrößern anklicken




Josephine E.: Detailaufnahme, Gesamtansicht und Vorstudien



"Die Farbstudien halten meinen Findungsprozess zur Intensität des Farbauftrages und zur Farbauswahl fest. Teilweise enthalten diese Proben Striche, Flächen und kleine Schnellskizzen zur Vorbereitung der abschließenden Komposition. Des Weiteren finden im finalen Bild verschiedene Techniken Verwendung. Beispielsweise sind der Waldboden und dessen teils gestreute und sich überlappenden Blätter mit Pinsel getupft. Im Gegensatz dazu wurde der Hintergrund mit viel Wasser lasiert. Dadurch nimmt der Betrachter verschiedene Stofflichkeiten wahr." (Josephine E.)

Hanna P. (50 x 70 cm): Gesamtansicht und Details



"Ausgehend von der Idee einen „Lost Place“ in Form eines Interieurs auszuarbeiten, fiel meine Wahl letztlich auf die Darstellung einer verlassenen Psychiatrie als Aquarellgemälde. Um diese charakteristisch darzustellen, habe ich mich auf häufige Vorstellungen Außenstehender bezogen. Zentral im Bild befindet sich ein „Zwangsstuhl“, welcher in der heutigen Zeit keine Verwendung mehr in Psychiatrien findet. Es wird allerdings ein abschreckendes Bild erzeugt, welches in Vergangenheit liegt und zudem die Verlassenheit unterstreicht. Weitere Elemente stellen die großen Fenster auf der linken Seite und die Tür auf der rechten Seite dar, welche ich zusätzlich als abgetrottet und angsteinflößend empfinde." (Hanna P.)

Jule M. (70 x 50 cm): Gesamtansicht, Material- und Motivestudien; Detail



"Während ich zuerst das Abbilden von verlassenen, rostigen Fahrzeugen wie Straßenbahnen, interessant fand (siehe Skizze eins), habe ich mich nach dem Anfertigen eines Moodboards dafür entschieden, ein verlassenes Schloss von Innen zu gestalten (...). Die eher trüben und gedeckten Farben sollen Verwesung widerspiegeln. Die einst helle Wandfarbe, im Spiegelbild erkennbar, ist deutlich dunkler und fleckiger." Jule M.

Tanja A.: Gesamtansicht und Details



"Die linke Seite des Bildes sollte eine Utopie darstellen, in der sich die Natur das zurückholt, was der Mensch ihr genommen hat. Auf der rechten Seite wollte ich als Kontrast ein gegenwärtiges, intaktes Wohnzimmer als Schwarz-Weiß Bild-gestalten. Das Landschaftsgemälde, welches ein Bild-im-Bild Motiv bildet, sollte die Ambivalenz des Menschen zeigen, der die Natur zerstört, sich jedoch gleichzeitig von ihr angezogen fühlt." (Tanja A.)

Marie Ch.: Gesamtansicht, Details und zwei Studien



"Ich habe mit Wasserfarben gearbeitet, doch als mir Schwarz ausging, musste ich zur schwarzen Aquarellfarbe aus der Tube greifen, wobei mir aufgefallen ist, dass sie sich schwieriger einarbeiten und verblenden lässt als die Wasserfarbe und man dadurch keine flüssigen Übergänge erzeugen konnte, wie man beispielsweise an der Berglandschaft im Hintergrund erkennen kann." (Marie Ch.)

Nèlle T. (50 x 70 cm): Gesamtansicht, Materialstudien; Detail



"Beim finalen Bild stellt die linke Seite die Eingangshalle der Beelitzer Heilstätten dar, wie sie zu früheren Zeiten ausgesehen haben könnte. Um den nostalgischen Faktor zu berücksichtigen, entschied ich mich diese Hälfte in Schwarz-Weiß zu gestalten, also einzig mit Hell-Dunkel- Kontrasten zu arbeiten. Die rechte Hälfte des Bildes zeigt, wie der Ort heutzutage aussehen könnte. Diese Seite ist zwar farbig, jedoch sollen die Abnutzung sowie Vernachlässigung durch die eher getrübte Farbgebung deutlich werden." (Nèlle T.)

Helen G., Henirke P., Kristof B., Nele Z., Paul T.: Gesamtansichten, Studien (Paul)



"Die Schatten sowie die Struktur der Bäume und Felsen verleihen dem gesamten Bild Plastizität. Zusätzlich schafft der Hell-Dunkel-Kontrast des mittleren Felsens mit der dahinterliegenden Felswand Räumlichkeit. Auch der Kalt-Warm-Kontrast, zwischen dem Wald und der Felswand mit dem Wasser, kann dem Gesamtbild weitere Raumtiefe verleihen." (Kristof B.)



 


Fokus Lost Places: Links und Quellen


1. Im Netz kursieren zahlreiche Bilder von verlassenen Orten, welche die Natur nach und nach zurückerobert: Wohnhäuser, Schwimmbäder, Fabriken oder - besonders morbide - Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten u. v. m.. Unten habe ich eine kleine Lost-Places-Sammlung zusammengetragen. Sich selbst an solche Orte zu begeben ist oft nicht nur gefährlich, sondern auch illegal. So aber kann man sich gefahrlos von der Couch aus gruseln - und sich vielleicht zu eigenen Bildern inspirieren lassen.



1.1. Lost Places – meist nur alte Mauern und kaputte Fenster?


Lost Place oder doch moderne Kunst? Der Fotograf Manfred Herrmann möchte sich gar nicht festlegen. Zu seiner Fotoreportage bitte dem Link folgen.


Foto @ Manfred Herrmann



1.2. www.lost-places.com: das Wahnsinnsarchiv von Kai-Patric Fricke


"Diese Internetpräsenz befasst sich mit dem Verfall von Bauwerken und deren Geschichte," schreibt deren Betreiber Kai-Patric Fricke. "Objekte, die dem Zerfall ausgesetzt sind, werden Lost Places (verlorene Orte) genannt. Die Zukunft der Orte liegt oft im Ungewissen. Bebauungspläne, Restaurationen oder ein kompletter Abriss der Lost Places sind meist nicht leicht in die Tat umzusetzen. Hier dokumentiere ich Orte, über die man sonst nichts erfahren würde. Damit der Glanz unserer Vergangenheit erhalten bleibt, verewige ich diese Orte in Fotogalerien. Wählen Sie einfach Ihr gewünschtes Land aus und dann die Kategorie, die Sie interessiert." Ein unfassbarer Schatz an Bildern, die Kai-Patric hier zusammengetragen hat, danke im Namen aller Lost-Places-Fans!


Fotos @ Kai-Patric Fricke / www.lost-places.com



1.3. Auf die Suche, fertig, los: Pinterest, Google & Co


...Und natürlich dürfen in der Liste der Lost-Place-Bildsammlungen nicht die üblichen Verdächtigen wie Google und vor allem Pinterest fehlen. Dort holen sich die Jugendliche am liebsten ihre Bildinspiration. An Material findet man hier Unmengen - nicht selten auch Motive, nach denen man gar nicht gesucht hat, die aber umso inspirierender sind. Sich kostenlos auf Pinterest registrieren, die passenden Schlüsselbegriffe eingeben und in thematisch sortierten Bildsammlungen stöbern - nichts leichter als das! Wie zum Beispiel hier.



1.4. Lost Places auf eigene Faust erkunden - ganz legal!


In jeder noch so kleinen Stadt (und auch auf dem Land) gibt es Plätze, die mal bewohnt oder bewirtschaftet wurden und nun brach liegen. Einige dürfen nicht betreten werden, weil dort Einsturzgefahr droht oder sie sich auf einem Privatgrundstück befinden. Andere können zumindest von außen bewundert werden, etwa die Überbleibsel der Expo 2000 auf dem Hannoveraner Expo-Gelände (unten). Im Netz finden sich Adressen zu öffentlich zugänglichen Lost Places - oder man fragt den Stammesältesten der Familie oder im Lehrerzimmer, ob sie eine spannende, öffentlich zugängliche Location kennen. Und schon kann die Fotosafari beginnen!




  • Eine Liste von legal zugänglichen Lost Places hat ADAC veröffentlicht, s. Link.

  • Lost Places, die im Rahmen einer Führung betreten werden dürfen, werden unter diesem Link aufgelistet.

  • Und natürlich findet man weitere Orte im Netz, die man ganz legal und offiziell besichtige darf. Im Zweifel einfach mal bei der Stadt nachfragen.



2. Lost Places in der Kunst


Nicht nur Fotografen, sondern auch bildende Künstler lassen sich von Lost Places inspirieren. So setzt sich der zeitgenössische Maler Jurek Rotha bei seinen Gemälden immer wieder mit Lost Places auseinander. Zuvor haben Künstler wie Joseph Beuys, Anselm Kiefer oder Künstler des Nouveau Réalisme oder der Arte Povera das Wertlose, Zurückgelassene ins museale Licht gerückt. Und auch in den zeitgenössischen Installationen finden sich Verweise auf Lost Places wieder, oft mit einer gesellschaftskritischen oder politischen Botschaft verknüpft, etwa bei Hans Haackes "Germania", 2013 oder Ai Weiweis "Straight", 2008-2012. Und natürlich spielt das Thema Lost Places in distopischen Filmen wie "Stalker" von Andrei Tarkowski (Vorspann unten) oder Büchern wie "In The Country of Last Things" von Paul Austers.



2.1. "Stalker" von Andrei Tarkovsky (1978-79)


Eine Sperrzone mitten im Nirgendwo: einst bewohnt, heute leergeräumt und streng bewacht. Angeblich geschehen dort seltsame Dinge. Man munkelt, dort gehen Wünsche in Erfüllung. Andererseits kommen viele nicht mehr zurück. Ein Ortsansässiger hat sich darauf spezialisiert, Besucher illegal durch den Sperrgürtel zu bringen und sie innerhalb der Zone zu führen. Er ist der einzige, der die Fallen vor ort kennt und die ständigen Veränderungen dieses magischen Ortes, mehr Lebewesen als Landschaft, antizipieren kann. Unheimlich - und prophetisch, wurde doch der Film fast 10 Jahre vor der Tschernobyl-Katasrophe gedreht.




2.2. Jurek Rotha: der Schaum der Zivilisation

Auf der Homepage des Malers Jurek Rotha (*1974) findet man eindrucksvolle Beispiele dafür, wie symbiotisch die Beziehung von Malerei und Lost Places sein kann. Auch wenn es sich hier nicht um Aquarelle, sondern um Ölgemälde handelt, deckend gemalt und mit einer Lost-Places-nachempfundenen haptischen Komponente, haben diese Bilder meine Schüler im Rahmen unserer Vorbesprechung nachhaltig beeindruckt und inspiriert. Eine kleine Gemälde-Auswahl von Rotha habe ich in dieser Galerie zusammengetragen; mehr auf der Homepage des Künstlers unter diesem Link.